photo by Anna Limantava

Lasst den Hügel: praktizieren und träumen öffentlicher Räume in Weißensee

Ein Gespräch mit Michelle Howard in Heijala-Land, einem selbstorganisierten Garten in Weißensee.

Heute kommt KIEZ:MOBIL nach Heijala-Land, einen kleinen Garten, der sich zwischen den Häusern hindurchzieht und die Jacobsohnstraße mit der Langhansstraße 71 verbindet.

Es ist ein Herbstnachmittag. Gefallene Blätter sammeln sich unter den Rädern von KIEZ:MOBIL und in den Ecken des Gartens. Es ist noch warm genug, um draußen zu bleiben, deshalb findet das Gespräch am offenen Feuer statt. Eine Tasse alkoholfreier Glühwein wärmt die Hände, das Feuer knistert, Marshmallows wandern auf Spießen herum, während nach und nach alle ihren Platz im Kreis finden.

Heute sind Katya Romanova, interdisziplinäre Designerin und Mitgründerin von re:imagine your city, und Michelle Howard, sozioökologische Architektin, Professorin und Aktivistin in Heijala-Land, bei uns.

Wir setzen uns mit Katya und Michelle zusammen, um über öffentlichen Raum zu sprechen, und beginnen bei diesem einen kleinen Ort in der Nachbarschaft. Heijala-Land ist ein passender Ort für so ein Gespräch. Es ist ein selbstorganisierter, biodiverser Garten und Spielraum, den Nachbar:innen Schritt für Schritt aufgebaut haben. Nichts wirkt fertig oder von oben durchgestaltet, und genau so soll es bleiben. Der Ort ist verspielt, wild, gemütlich und lebendig.

Was ist das für ein Ort und was erzählt er darüber, wie Menschen in Weißensee ihr Umfeld gemeinsam gestalten?

Hier veröffentlichen wir den Teil des Gesprächs mit Michelle.

Eine Insel der Biodiversität in Weißensee

Wir wollten diesen Ort in ein biodiverses Biotop verwandeln. Im Sommer, wenn man die Straße entlangläuft und dann hier hineinkommt, merkt man deutlich, dass es hier drei oder vier Grad kühler ist als zwischen den Häusern draußen. Dieser Unterschied ist wichtig.

Die Menschen in Berlin vergessen oft, wie fragil das ist. Wir sind stolz auf all die Grünflächen und auf unser „gutes Klima“, aber das wird sich ändern, wenn wir Orte wie diesen verlieren.

Heijala-Land ist ein wichtiger Lebensraum. Hier lebt ein Fuchs, ein Dachs, und es gibt auch Fledermäuse.

Etwas, das mir besonders wichtig ist, ist diese Mauer. Wir haben sie gemeinsam gebaut, nach den Anleitungen von Rie, einer Person aus einer Nachbarschaftsinitiative aus Japan. Sie hat uns eine japanische Verzahnungstechnik gezeigt, dadurch ist die Mauer völlig stabil, ganz ohne Mörtel. Ich liebe daran, dass sie mit jedem bisschen Moos, das darauf wächst, stabiler wird. Es wird sehr schade sein, wenn diese Mauer verschwindet.

Die Mauer (von Michelle Howard)

Die Zukunft des Ortes: wenn Bottom-up auf Top-down trifft

Wir haben gemerkt, dass es nicht wirklich zusammenpasst, seit die Verwaltung einen offiziellen Bürger:innenbeteiligungsprozess gestartet hat. Das hat die Dinge hier eher ausgebremst. Die verschiedenen Sichtweisen wurden nicht gut zusammengebracht, weil dieser offizielle Prozess viel langsamer ist als das, was hier ohnehin schon passiert ist.

Und die Kreativität passt nicht zusammen. Es ist schwer, diese Bottom-up- und Top-down-Prozesse zu verbinden. Es gibt Menschen, die sehr daran gewöhnt sind, sogenannte Beteiligungsprozesse so zu organisieren, dass sie alles durchplanen und am Ende nur bestimmte Auswahlmöglichkeiten übrig bleiben. Man darf gar nicht wirklich kreativ denken.

Zum Beispiel wurden Gespräche mit Kindern über diesen Ort geführt, aber nicht hier im Garten. Sie fanden in einem Laden am anderen Ende der Straße statt, mindestens zwanzig Minuten zu Fuß von hier. Und die Kinder bekamen nur Optionen aus einem sehr standardisierten Spielplatzsystem. Das ist kein Beteiligungsprozess.

Wenn ich ein Kind wäre, würde ich einfach sagen: Lasst den Hügel.

Ich verstehe, dass es Sicherheitsfragen gibt, aber ich würde den Hügel unbedingt wieder aufbauen. Er ist eine sehr wichtige Topografie. Berlin ist so flach. Ein kleiner Hügel tut richtig gut.

Gemeinsam organisieren lernen

Als hier noch mehr Menschen aktiv waren, haben wir gemerkt, wie viel man ganz bewusst tun muss, um anti-hierarchisch zu arbeiten. Es scheint ein merkwürdiges Bedürfnis nach Hierarchie zu geben, dem man aktiv entgegenwirken muss. So oft stand ich hier, jemand kam mit einer Pflanze und fragte: „Wo soll ich die hinsetzen?“ Und ich habe geantwortet: „Wo möchtest du sie hinsetzen? Das ist nicht mein Raum. Wir versuchen nur, gut gemeinsam darauf aufzupassen.“

Es wirkt, als seien viele Menschen daran gewöhnt, gesagt zu bekommen, was sie tun sollen, und haben sich dieses Verhalten angewöhnt. Etwas Schönes war auch, nicht nur Kinder, sondern auch ältere Menschen zu sehen, die in der Erde graben. Da merkt man, wie wenige Menschen in der Stadt überhaupt noch die Möglichkeit haben, in der Erde zu wühlen.

Die Frage nach Hierarchie bleibt trotzdem eine große Herausforderung. Wenn eine Person die ganze Zeit die Führung übernimmt, trägt sie auch die ganze Verantwortung und macht am Ende den Großteil der Arbeit. Wir versuchen, Dinge weiterzugeben und andere zu ermutigen, einzelne Aufgaben zu übernehmen, aber das ist schwierig.


Der Rest des Gesprächs kreist um Herausforderungen und kleine Strategien, wie Räume im Kiez vielfältiger, sicherer und offener werden können. Nacheinander erzählen Menschen, wie sie sich in Weißensee fühlen und wo sie sich wirklich zugehörig fühlen.

Wir sprechen über unsere Traumorte im Kiez, Orte, an denen FLINTA* sich wohlfühlen würden. Was viele beschreiben, ist sehr einfach: Sie wollen an einem Ort sein, an dem Menschen präsent sind, an dem der Raum frei wirkt und man eine echte Verbindung spüren kann.

Es gibt den Wunsch nach Orten, an denen man üben, sich treffen, Dinge ausprobieren kann, ohne jedes Mal zahlen zu müssen. Orte, an denen Menschen verschiedener Altersgruppen und Hintergründe am gleichen Ort sein können.

Was wäre, wenn es direkt am See eine Bibliothek gäbe?


Eines ist klar: Einige dieser Räume gibt es in Weißensee bereits.

Man kann Heijala-Land besuchen und sehen, wie aus einer kleinen Lücke ein gemeinsamer Garten geworden ist, mit einem Hügel, einer Mauer und einer Insel der Biodiversität. Um mehr zu erfahren, kann man auch am Audiowalk „Brachland Weißensee“ von Katya Romanova teilnehmen.

Und natürlich gibt es KIEZ:MOBIL. In gewisser Weise zeigt es schon jetzt, was sich viele gewünscht haben: eine kleine, mobile Plattform, die in verschiedenen Ecken des Kiezes auftauchen kann, einen temporären öffentlichen Raum schafft und Menschen einlädt, sich hinzusetzen, zu reden und gemeinsam nachzudenken. KIEZ:MOBIL kann man auch für eigene Veranstaltungen und Ideen ausleihen, weitere Informationen finden sich auf der Website.

Michelle, Katya, Polina und KIEZ:MOBIL vor Heijala-Land

Polina Medvedeva

Das Projekt wird von C*SPACE Berlin gGmbH in Kooperation mit Polina Medvedeva (Stadtforscherin und Mitgründerin des Feminist Spaces Collective) organisiert. Die Gesprächsreihe wird von Katya Romanova mitkuratoriert. Gefördert wird das Projekt im Programm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.