“Die Magie kommt, wenn wir uns treffen”. Sichtbarkeit, Solidarität und FLINTA*-Netzwerke in Weißensee

Ein Gespräch mit Mika und Lea von BENN Weißensee und Marita von migraUp!

Am 28. Oktober ist KIEZ:MOBIL ein Stück weiter durch Weißensee gezogen, diesmal in die Räume von BENN Weißensee in der Gustav-Adolf-Str. 125. In diesem gemütlichen Nachbarschaftsraum treffen wir uns bei Tee, um über die Gemeinschaft zu sprechen.

Mit im Kreis sitzen Mika und Lea aus dem Team von BENN Weißensee. BENN (Berlin Entwickelt Neue Nachbarschaften) ist ein Berliner Programm, das Begegnungen und Austausch zwischen alten und neuen Nachbar:innen stärkt, besonders in Quartieren mit Gemeinschaftsunterkünften für Menschen mit Fluchterfahrung. Dazu kommt María del Carmen Orbegoso, oder kurz Marita, die das Projekt „Migra Up – Fachvernetzung für die Migrationsgesellschaft“ in Pankow leitet und Empowerment für Migrant:innenorganisationen unterstützt.

Wir bilden einen Kreis und geben all den Fragen, Zweifeln und Wünschen im Raum Platz. Schnell wird klar, wie viele Themen mitschwingen, wenn wir über Gemeinschaft, Sichtbarkeit und Inklusion sprechen. In diesem Text greifen wir zwei große Themen auf, die in diesem Austausch besonders deutlich wurden.

Von der Unsichtbarkeit zur Gemeinschaft: Kunst und sichere Räume

Mika: Mich interessiert Kunst als Möglichkeit, Gegenöffentlichkeit herzustellen. Ich bin auch über die Kunst zu den Sozialwissenschaften gekommen. Mein Hintergrund oder Positionierung ist: Ich bin eine Weiße transsexuelle Frau.

Kunst machen hat mir geholfen, sichtbar zu werden. Es ging mir nie darum, eine “berühmte” Künstlerin zu werden. Aber ohne Kunst hätte ich nicht gewusst, wohin mit mir. Ich hatte gemerkt, was für eine heilende Kraft meine künstlerische Tätigkeit für mich haben konnte

Wie können sich marginalisierte Gruppen, die nicht sichtbar sind, sich sichtbar machen? Ich glaube, dass Kunst ein ganz starkes Mittel ist, weil alle haben was zu sagen, egal welches Medium.

Zum Beispiel sind Sprache und Musik zwei ganz starke Medien. Aber es gibt eben auch, also, mein Leben ist vor allem die Fotografie. Nicht self, sondern Safe-Portraits  sich so in der ganzen Empfindlichkeit zu zeigen.

Haben wir wirklich diese Öffentlichkeit, Gegenöffentlichkeit, Sichtbarkeit? Wie werde ich sichtbar? Wie kann ich eigentlich einer Community helfen, auch den Mut zu fassen und sichtbar sein zu wollen?

Das ist dann wieder dieses: Trans ist auch verwundbar. Du machst dich auch verwundbar, wenn du dich als Person wirklich selbstbewusst zeigen möchtest.

Egal wie: Wenn du wegen irgendwelcher Zuordnungen, Herkunft oder Geschlecht nicht in den Mainstream passt, machst du auch erstmal so ein Single-Out. Und das auszuhalten, ist vielleicht so eine Aufgabe, die ich in meiner Arbeit wichtig finde.

Deshalb auch die ganzen Formate bei BENN Weißensee, wie die Peer2Peer Fürsorge im Kümmer Café oder in der Hologram-Gruppe.

Foto: Hologram-Gruppe, BENN Weißensee

Claudia: Aber ist es zum Beispiel so, dass, wenn man so eine Gruppe hat oder weiß, dass man eine Gruppe hat, dann es nicht mehr so schwer ist? Ist es leichter, in einer Gruppe, als Gruppe, sichtbar zu sein?

Mika: Ich glaube, auf alle Fälle in der Queer-Community ist es so, dass halt wirklich diese Community ganz wichtig ist, weil es eben so ein sicherer Ort ist. [Mit „Ort“ ist hier weniger ein physischer Raum gemeint, sondern eine gemeinsame Einheit/Zugehörigkeit].

Und für Migrant:innen gilt das sicher auch. Orte zu haben, die sicher sind und wo ich mich nicht erklären muss als die oder die Person, weil bestimmte Sachen einfach klar sind.

Und ich weiß manchmal: Wenn ich in cisnormative Räume komme, dann sehen Leute es manchmal nicht mehr sofort, dass ich trans bin. Aber sobald ich den Mund aufmache, denken alle: „Oh Gott, was ist das denn?“ Ich sehe das so richtig an den Blicken. Und das passiert halt in Community-Räumen nicht so.

Communitys bilden sich, weil sie sich marginalisierte Menschen da sicherer fühlen. Das Problem ist, dass die Community sich nicht selbst als Community isoliert, sondern dass sie anschlussfähig bleibt, sondern offen bleibt, sich nicht abgrenzt, sondern gemeinsam sagt: Wir möchten mit dabei sein, wir möchten Teil der Gesellschaft sein, nicht als Marginalisierte, als Subkultur oder als irgendwas Exotisches, weißt du, weil man sich so schnell exotisiert, das gibt es ja auch überall…

Darum geht es. Also nicht Community um der Community willen, sondern um stark zu sein, um auch in die Gesellschaft zu kommen, um Mensch und Gesellschaft mit zuprägen.

Lea: Und ich denke, das ist auch so ein Moment des Vorlebens und natürlich auch ein Moment, in dem wir andere Menschen dadurch ermutigen können, selber authentisch zu sein. Es ist schwierig, weil das eben mit dem Authentisch-Sein und mit diesen Verletzbarkeiten einhergeht und mit der Situation marginalisierter Gruppen sowie mit den Strukturen in unserer Gesellschaft, mit Diskriminierung.

Sobald wir so eine Rolle annehmen, passen wir uns natürlich an, in unserer Art, wie frei wir uns bewegen, wie frei wir auch sprechen. Und das ist auch irgendwo sinnvoll, weil wir verstanden werden möchten. Aber sobald es dazu führt, dass wir nicht mehr authentisch sind und vielleicht nur weitergeben, was eben von uns gewünscht wird, von der Hierarchie darüber, dann finde ich das extrem gruselig und gefährlich. Und ich glaube, dass ein Problem in unserer Gesellschaft ist: Wie können wir weiterhin gemeinschaftlich bleiben? Also wenn wir das hinkriegen, dass Menschen authentisch sind und sich auch frei für „Fehler“ machen, dann ist total viel geschafft, weil dann gibt es auf einmal Raum für Feedback und für Austausch.

Also diese Angst auch vor Bestrafung, statt dieses Miteinanders, dieses „Wir lernen voneinander“. Und dass genau dieses Miteinander wirklich gelebt wird.

Gemeinschaft in Weißensee stärken: Vertrauen und Solidarität in Zeiten der Kürzungen

Marita: In Pankow gibt es derzeit ungefähr 30 migrantische Organisationen, alle mit einem beeindruckenden Potenzial an Erfahrungen, Themen, theoretischen Impulsen und Sprachen.

Auffällig ist, dass fast alle von Frauen geführt werden – im Gegensatz zu vielen anderen Berliner Bezirken, in denen gemischte Gruppen oder sogar klar männlich dominierte Organisationen vorherrschen.

Zudem sind fast alle migrantischen Organisationen stark familienorientiert, was sich in ihren Angeboten und Zielgruppen widerspiegelt.

Im Moment ist es für mich am wichtigsten, Vertrauen aufzubauen. Es gibt verschiedene Aspekte, in denen wir schnell in Konkurrenz geraten, und deshalb ist es nicht immer einfach, echte Kooperationen zu entwickeln.

Auch Hoffnung spielt dabei eine große Rolle – sie ist ein zentraler Punkt für mich.

Ich glaube weiterhin an langfristige Prozesse, weil ich das selbst in Pankow erlebt habe. Ich war Teil des damaligen Frauenprojekts „Frauennetz“. Und 2025 hat dieses Netzwerk einen neuen Namen erhalten: Intersektionaler Feministischer Arbeitskreis Pankow. Das war ein intensiver Prozess. Ein wichtiger Beitrag von uns Migrant:innen war, deutlich zu machen, dass wir mehr migrantische Organisationen – besonders Frauenvereine – in diesem Netzwerk sehen wollten.

Das geschah nicht automatisch. Umso bedeutender war es, dass mehr migrantische Organisationen in diesem sehr weißen, etablierten Netzwerk Raum bekommen haben: Raum, um über Dekolonisierung zu sprechen, um sich gemeinsam weiterzubilden, über Intersektionalität zu arbeiten und offen zu diskutieren. Es war möglich, weil sowohl die Bereitschaft als auch die Neugier dafür vorhanden waren.

KIEZ:MOBIL bei der Woche gegen Rassismus Pankow, 15.03.2024

Zurück zu meiner Verbindung mit Weißensee: migraUp ist ein kollektives und lokal verankertes Projekt. In meiner Arbeit bemühe ich mich, mit jeder einzelnen Organisation in Kontakt zu bleiben. Die Möglichkeit, in Netzwerken zu arbeiten, hilft mir enorm, diese Beziehungen nicht aus den Augen zu verlieren.

Dieses Jahr haben wir außerdem eine Community-Map erstellt – ohne finanzielle Mittel, aber mit großartiger Unterstützung von Lingua Pankow und ELAR (Endangered Languages Archive). ELAR gehört zur Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, einer sehr weißen, alten und männlich dominierten Institution. Dennoch gibt es dort eine wichtige Veränderung: Frau Mandana Seyfeddinipur, die von London nach Berlin gekommen ist und nun ELAR leitet.

Ich merke jetzt zum Beispiel: wir haben Trixiewiz, Baufachfrau e.V., Frauen-Zukunft, Paula-Panke-Laden hier in Weissensee. Wir haben auch andere Organisationen in Heinersdorf, also nicht so weit weg von Weißensee, wie Source d’espoir e.V. oder MigrArte Perú e.V.

Vielleicht brauchen wir für diesen nachhaltigen Prozess auch die Verbindungen zu diesen lokalen, großen Netzwerken, wo diese feministische Stimme schon lange existiert – und sie brauchen uns auch.

Ich denke, die Magie kommt, wenn wir uns treffen, wenn wir uns kennenlernen.

Und ich bin seit 2011 da, und jetzt habe ich eine super tolle Freundschaft aufgebaut, und wir versuchen jetzt, auch mit diesem kritischen Blick, die Zusammenarbeit zu analysieren und auszuwerten.

Und wie funktionieren Kooperationen eigentlich? Es gibt viele bilaterale Projekte und Partnerschaften. Mit der Zeit merkt man: Wo Vertrauen aufgebaut wird, entstehen auch Raum und Mut für Kritik. Viele Herausforderungen – Unsicherheiten, Missverständnisse, Konflikte – finden ihren Weg nicht so leicht in die große Runde. Genau deshalb interessiert mich, wie wir aus schwierigen Erfahrungen auch etwas Positives entwickeln können.

Ich bin überzeugt: Wenn Vertrauen da ist, kann man über alles sprechen. Vertrauen schafft ein anderes Niveau der Beziehung – und bildet die Grundlage für eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis.

Mika: Ich glaube an beides, an den Versuch zu teilen und dann Vertrauen zu haben, fürsorglich und empathisch  zu sein. Ich glaube auch, dass die Kürzungen im Kulturbereich überhaupt nicht dazu da sind, Geld einzusparen, sondern dazu da sind, Geld gering zu halten. Sodass sich viele Organisationen auf einen kleinen Geldtopf stürzen und manche außen vor bleiben, dass das eigentlich ein Konkurrenzverhalten und ein Angstverhalten innerhalb der kleinen Organisationen erzeugt, damit eben genau das nicht passiert, dass wir uns zusammentun, dass wir gegenseitig solidarisch sind. Ich glaube, dass Kürzungen von Mitteln überhaupt ein Spaltungs-Tool sind. Das ist wirklich nur ein Versuch uns zu spalten.

Und ich glaube, da genau brauchen wir dieses Vertrauen miteinander zu sprechen, transparent zu sein, auch darüber, wo unser Budget herkommt, wie wir überleben. Und es eben nicht für sich zu behalten, wenn ich mich auf irgendetwas bewerbe, sondern es den anderen Organisationen zu sagen. Wir bewerben uns zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft und wir suchen die Mittel für uns alle zu bekommen.

Marita: Also im Moment leider das wichtigste Thema ist Finanzierung. Es gibt viele Betroffene, nicht nur im Kulturbereich, sondern auch viele Frauenprojekte.

Es gibt kein Geld. Von einem deutschen System finde ich, das ist tragisch. Ohne Kooperationen können wir uns nicht überleben.

Die politische Sichtbarkeit ist auch wichtig für uns, nicht nur finanzielle Sachen. Das sind für uns auch sehr wichtige Aspekte der Solidarität. Und Finanzierung ist natürlich auch wichtig, aber wir sind immer in prekären Situationen.

Lea: Ich finde, alles, was Marita gerade gesagt hat, braucht auch mehr Sichtbarkeit. Also dieser ganze Bereich ist für mich, ich nenne das gerne alles soziale Arbeit, weil Nachbarschaftsarbeit, Arbeit mit Menschen, ob es in der Pflege ist, ob es in der Bildung ist, für mich soziale Arbeit ist und mehr Sichtbarkeit braucht. Also ich habe das Gefühl: Klar, wenn man in Freundschaftskreisen darüber spricht, ist es immer so: „Oh wow, eine krasse Story“ oder „krass, so schlimm ist es mit den Verträgen“ und so weiter. Und in dem Moment ist dann so eine Anerkennung irgendwie da.

Aber darüber hinaus, also es müsste mit viel mehr Klarheit und Selbstbewusstsein, mindestens auf politischer Ebene, vorangebracht werden, weil es so die Basis von allem ist, denke ich, vom Miteinander. Wir leben miteinander, deswegen muss diese Arbeit sichtbar und wertgeschätzt sein.

Und alles, was du gerade gesagt hast, müsste überall so laut sein, finde ich.

Marita, Mika und Lea beim KIEZ:MOBIL

Polina Medvedeva

Das Projekt wird von C*SPACE Berlin gGmbH in Kooperation mit Polina Medvedeva (Stadtforscherin und Mitgründerin des Feminist Spaces Collective) organisiert. Die Gesprächsreihe wird von Katya Romanova mitkuratoriert. Gefördert wird das Projekt im Programm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.