Zwischen Bühne und Fürsorge: Care als alltägliche Praxis
Im Rahmen unserer Gesprächsreihe mit inspirierenden FLINTA* kommen wir am 23. Oktober zu einem Thema zusammen, das für viele von uns immer da ist und immer wichtig bleibt: Care.
Wir treffen uns im Delphi, um Erfahrungen zu teilen. Wir sitzen an der Bar und nicht auf der Bühne, weil dieses Gespräch als Austausch gedacht ist, nicht als Vortrag. Care ist nichts Abstraktes, sondern etwas, das jeder von uns lebt, aushandelt, organisiert. Trotzdem haben wir Gäste, die den Abend mit ihrer Expertise öffnen und strukturieren: Wir sind mit Verena Usemann und Teresa Monfared vom Bühnenmütter* e.V. hier und mit dem Team vom Theater im Delphi – Georgina Koschke und Laura Wimmer, die Care im Theater ganz praktisch verhandeln.
Bühnenmütter* ist ein Verein von Bühnenkünstlerinnen mit Sitz in Berlin und einem Projektbüro im C*SPACE in Weißensee, der sich für familienfreundlichere Arbeitsbedingungen an Theatern einsetzt. Mit Studien, Vorträgen und Projekten wie Culture.Care machen sie sichtbar, wie (Un-)Vereinbarkeit von Kunst und Care heute aussieht, und entwickeln gemeinsam mit Theatern konkrete Veränderungen.
Das Theater im Delphi ist dafür ein besonderer Ort. Der Bau mit seiner rauhen Fassade steht an der Gustav-Adolf-Straße. Von außen wirkt er roh, kantig, widerständig. Wenn man eintritt, verwandeln sich die gleiche Struktur und das gleiche Material in einen fast magischen Raum.
Das Delphi wird von Georgina mitgeleitet. Eine FLINTA*-Person in der künstlerischen Leitung eines so prägenden Hauses zu haben, verändert, welche Fragen gestellt werden, wer sich angesprochen fühlt und welche Geschichten auf dieser Bühne Platz finden. Heute gehört dazu auch die Frage, wie Theater fürsorglicher werden können – für die Menschen, die hier arbeiten, und für alle, die hierher kommen.
In diesem Text veröffentlichen wir ausgewählte Ausschnitte aus dem Gespräch.

Was meinen wir, wenn wir über Care sprechen?
Teresa: Care heißt übersetzt Sorgearbeit oder Fürsorge. Und meint hier ausdrücklich nicht nur Sorge für Kinder.
Care bedeutet für uns hier neben der Sorge für Kinder auch Sorge um Eltern, Tiere, die Umwelt, einen kranken Nachbarn, Freunde. Und nicht zuletzt, und das ist ja im Theater besonders wichtig, auch Self-Care. Jede oder jeder von uns wäre ohne Sorge, egal von welcher Qualität oder Quantität als Säugling verhungert oder verwahrlost.
Dass jemand für uns Sorge getragen hat, ist der Grund, dass wir uns hier heute treffen können. Das meint Care.
Der Status quo ist nicht okay: die Pilotstudie von Bühnenmütter*
Verena: Wir haben irgendwann gemerkt: Der Status quo ist nicht okay. Aber wie kriegen wir belastbare Zahlen, damit uns überhaupt jemand zuhört? Also haben wir unsere eigene qualitative Pilotstudie gemacht. Wir haben einen Fragenkatalog entwickelt: z.B. Was hat sich seit der Elternschaft an deiner Einkommenssituation verändert? Hast du Diskriminierung erlebt, und wenn ja, wie? Gab es auch positive Veränderungen im Job oder in deinem Lebensgefühl? Geantwortet haben 121 Frauen bzw. weiblich gelesene Personen. Damals haben wir uns ganz bewusst auf Mütter konzentriert.
Teresa: Fast die Hälfte, 45% der Studienteilnehmerinnen gaben an, diskriminierendes Verhalten aufgrund ihrer Mutterschaft im Berufsleben erfahren zu haben. Jede vierte Studienteilnehmerin gab sogar an, dass ein Vertrag aufgrund ihrer Mutterschaft aufgelöst wurde oder sie aus einer Produktion ausgeschlossen wurde, was ja eigentlich rechtswidrig ist.
Aber natürlich in dem Berufsfeld, in dem wir uns bewegen, egal ob jetzt an Institutionen oder in der freien Szene, gibt es ja immer künstlerische Gründe zu sagen, die fragen wir nicht, die ist jetzt nicht mehr so belastbar, die hat ja jetzt ein Kind. Das finde ich auch so interessant, dieses Stigma von dem Moment an, wo du Eltern bist oder in dem Moment, wo du Mutter bist, wird dir so ein bisschen wie so deine künstlerische Expertise abgesprochen.
“Bringt die Kinder mit”: Care im Theater im Delphi
Georgina: Wir haben uns nie aktiv damit auseinandergesetzt, wie wir hier Care-Arbeit machen, sondern sind da einfach reingewachsen. Ich war die erste. Ich war am Anfang allein mit Nikolaus hier, und ich habe meine Tochter einfach mitgebracht. Für mich gab es nichts anderes: Entweder ich bleibe zu Hause, betreue mein Kind und arbeite nicht – oder ich bringe mein Kind mit hier, beschäftige es hier nebenbei und arbeite.
Das ist natürlich immer eine Frage von: Manchmal hat man Betreuung und manchmal nicht. Ich versuche unter allen Umständen zu vermeiden, dass ich Geld für Betreuung ausgebe, sondern versuche das über Freundeskreis und Familie zu lösen. Und viel Familie haben die allermeisten ja nicht in Berlin. So ist es, glaube ich, auch bei all unseren Mitarbeiter:innen mit Kindern gewesen.
Dann sind nach und nach erst ein Mitarbeiter mit zwei Kindern dazugekommen, dann noch zwei Mitarbeiter:innen mit jeweils zwei und einem Kind.
Laura: Wir sind extrem family-friendly. Es werden immer alle Kinder mitgebracht auf Proben, wenn es keine Möglichkeit gibt, die Betreuung anderweitig zu bewerkstelligen.
Und dann gibt es halt eine Assistenz oder eine Hospitantin, die kommt und das Kind betreut. Wir versuchen den Rahmen zu schaffen, auch wenn Vorstellungen sind und Babysitter:innen oder andere Betreuung ausfällt.
Ich finde es absurd, was wir an Vorstellungen und Proben absagen und verschieben, weil Dinge nicht funktionieren, weil Betreuung nicht gegeben ist.
Bringt die Kinder mit.
Wir bringen die Hunde mit, wir bringen die Katzen mit, so gefühlt, aber die Kinder dürfen nicht mit. Warum? Erklär es mir.
Georgina: Ich bin inzwischen einfach relativ mutig und rede über die Care-Arbeit, die ich mache. Ich finde das wichtig.
Und dann habe ich ein paar Menschen in meiner Umgebung, die reden es mir vor oder die machen es auch und mit denen tausche ich mich aktiv aus, so wie mit euch jetzt. Und dann kriege ich das Gefühl, das ist wichtig und dann sage ich auch, also ich habe mich um meinen Vater jetzt gekümmert und ich bringe das mit rein. Ich sage das im Meeting, laut.
Ich sage nicht einfach, ich bin nicht da, ich nehme unbezahlten Urlaub oder ich bin krank oder sonst was, sondern ich sage, mir geht es gerade nicht gut, weil… Und dann sage ich drei Sätze danach. Weil ich glaube, es ist wichtig, dass es sichtbar wird.
Eine Million Euro Unterschied
Georgina: Ich glaube, wenn wir uns anschauen, wie Männer Care-Arbeit leisten, dann muss man tatsächlich ein ganzes Stück tiefer gehen und fragen: Wie sind Männer sozialisiert, wie sind Frauen sozialisiert? In meinem Fall ist es so, dass Frauen diejenigen sind, die weniger verdienen. Und wenn es dann darum geht, wer sich um das Kind kümmert oder wer Elternzeit und Urlaub nimmt, dann wird das in der Regel der Elternteil sein, der weniger verdient. Und der entwickelt sich dann in dieser Zeit natürlich auch weniger weiter. Und das ist alles nachgewiesen.
Teresa: Sprechen wir über den Gender Pay Gap. In Deutschland Durchschnitt liegt er im Moment bei 18 Prozent,interessanterweise aber in den bildenden und darstellenden Künsten viel höher. In den darstellenden Künsten 34 Prozent.
Also, weil dann genau die Mechanismen und gerade in den darstellenden Künsten sind wir eher prekär bezahlt. Und dann machen die 100 Euro mehr oder weniger im Monat echt einen Unterschied. Und dann werden Frauen abgestraft: Beim Lifetime Earning Gap, wenn sie Kinder haben. der Lifetime Earning Gap meint Gesamtvolumen von dem, was man einnimmt als Person innerhalb einer Lebensspanne, da gibt es ein Gap zwischen männlich und weiblich gelesenen Personen von ungefähr einer Million Euro und für jedes Kind, was man bekommt, kommen glaube ich noch mal so 100.000 Euro noch weiter runter. Bei Vätern ist das aber so, dass tatsächlich der Lifetime Earning Gap noch größer wird, weil die mehr verdienen, interessanterweise.
Also es gibt da so ein Gefälle, dass offensichtlich auch auf so einer ökonomischen Ebene funktioniert. Das ist natürlich interessant und eigentlich könnten wir natürlich auch die Väter viel mehr auch so als Allies mit reinnehmen.
Nur so entsteht struktureller Wandel
Laura: ich glaube, die freie Szene ist so doll abhängig vom Wohlwollen und der Vernetzung. Und wer kann sich vernetzen?
Der, der Zeit hat. Der, der nicht noch ein Kind an der Hand hat, so ganz plakativ und böse gesprochen, und damit dann auf das Vernetzungstreffen läuft. Ja.
Warum haben wir eine Förderung? Weil Nikolaus insane gut darin ist, sich mit den richtigen Leuten zur richtigen Zeit zusammenzusetzen und zu vernetzen. Also ich könnte das vielleicht noch leisten, wenn ich nicht 35 Projekte nebenbei noch neben meinem Job hier machen würde.
Aber die Uhrzeiten von Vernetzungstreffen wenn die Einladungen kommen und ich die weiterleite, die sind ja gar nicht abbildbar. Nicht familienfreundlich. Dann landet man wieder bei solchen Lösungen wie: Eine Person bleibt zu Hause bei den Kindern, die andere geht zum Treffen.
Aber dann sind wir auch die zwei jungen Frauen aus Delphi. Wer redet denn mit uns?
Georgina: Da kommen dann immer noch ganz viele Ebenen dazu. Intersektional ist das Stichwort.
Laura: Definitiv intersektional. Es ist einfach eine Vielfältigkeit an Diskriminierungsstrukturen, die internalisiert sind und in den Förderstrukturen mit drinstecken.
Es ist schön, dass in den Kommissionen, in den Juries mittlerweile die Dramaturgin, die Kunsthochschulleitung und sonst wer sitzen. Aber sie kommen ja auch aus einem System, durch das sie an diese Positionen gekommen sind, ein System, das sie durchlebt haben, das nicht unbedingt dazu führt, dass sie diesem System etwas entgegensetzen. Sie leben ja vom System und profitieren davon.
Verena: Aber andererseits denke ich: Wie können wir die Strukturen verändern? Wir können sie ja nicht einfach verlassen. Wir müssen an die Strukturen ran.
Deshalb freuen wir uns so darüber, dass wir mit dem Projekt Culture.Care an sieben Institutionen einen Wandel anstoßen können. Bis Ende 2027 erarbeiten wir mit den Institutionen passgenaue Weiterbildungen und Sensibilisierungsmaßnahmen.
Laura: Ich glaube, das, was eure Arbeit bei Bühnenmütter insane wertvoll macht, ist, zu sagen: „Hey, wir sind übrigens da, und wir unterstützen euch auch noch.“ Das ist wichtig, was ihr macht, damit man diversere Perspektiven reinkriegt. Damit man überall, auf allen Ebenen des Theaters, diese Perspektiven hat: Okay, man muss das mit einbeziehen, man muss das mit einbeziehen. Nur so kann man strukturellen Wandel schaffen, wenn man diese Ansichten überall hat.
Vielleicht trägt genau diese Frage das Gespräch am Ende zurück nach Weißensee: Wie könnte Care hier, auf Kiezebene, sichtbarer werden?
Es gibt in Weißensee schon jetzt unzählige Orte, an denen soziokulturelle Arbeit passiert. In der Runde entsteht die Idee, diese bestehenden Strukturen als Care-Infrastruktur zu denken: als Orte, an denen man Räume teilen, Wissen tauschen und neue Allianzen schmieden kann. Vielleicht können Initiativen wie Bühnenmütter, das Delphi, KIEZ:MOBIL und die Jugendangebote im Stadtteil noch stärker in einen Tausch gehen.
Die Frage ist weniger, ob schon etwas da ist, sondern wie wir es finden, verbinden und gemeinsam weitertragen.

Polina Medvedeva
Das Projekt wird von C*SPACE Berlin gGmbH in Kooperation mit Polina Medvedeva (Stadtforscherin und Mitgründerin des Feminist Spaces Collective) organisiert. Die Gesprächsreihe wird von Katya Romanova mitkuratoriert. Gefördert wird das Projekt im Programm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.