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English version / на български
Viktoria: Viktor, es ist schön, dich wiederzusehen. Lass uns dieses Interview nutzen, um unser Gespräch über Themen fortzusetzen, über die wir in letzter Zeit viel gesprochen haben. Du bist Architekt, Urbanist und Aktivist und beschäftigst dich intensiv mit der sozio-urbanen Landschaft Sofias, wo wir beide leben. Anfang des Jahres haben wir deinen Essay „The Red List of Sofia’s Threatened Spaces Unfolded“ im Journal for Social Vision veröffentlicht, in dem du viele wichtige Fragen aufgeworfen und das Konzept des sozio-urbanen Werts eingeführt hast.
Was verändert sich, wenn wir die Stadt aus der Perspektive junger Menschen betrachten — von Jugendlichen, Studierenden und Menschen in ihren Zwanzigern?
Viktor: Lass mich kurz daran erinnern, was ich mit „sozio-urbanem Wert“ meine. In den meisten Fällen — so absurd es klingt — bedeutet „Wert“ in der Stadt ein Kulturdenkmal oder sogenanntes kulturelles Erbe. Das sind materielle Objekte, die vom Staat wegen ihrer wissenschaftlichen oder kulturellen Bedeutung geschützt werden. Meine Hypothese ist, dass ein Raum auch aufgrund seiner sozialen Bedeutung wertvoll sein kann. Einfacher gesagt: Nicht das Gebäude ist entscheidend, sondern das, was in ihm geschieht. Denk an den Stadtmarkt, das Nachbarschaftscafé, das Tschitalischte (kulturelles Gemeindezentrum) oder selbstorganisierte zivilgesellschaftliche Räume. Worin besteht ihr sozialer Wert? Zum Beispiel darin, dass sie wirtschaftlich zugänglich sind und Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Hintergründe ermöglichen oder ein Gefühl von Selbstermächtigung und Zugehörigkeit schaffen. Wenn wir uns darauf einigen, dass diese Orte wichtig sind, müssen wir uns fragen: Was machen wir als Gesellschaft mit ihnen? Offensichtlich können wir sie nicht wie ein Denkmal als museale Objekte im Stadtraum konservieren. Also was dann? Ich habe darauf noch keine endgültige Antwort, aber ich weiß, dass der erste Schritt darin besteht, sie als wertvoll anzuerkennen.
Wie verändert sich die Situation, wenn wir „sozio-urbane“ Werte durch die Augen junger Menschen betrachten? Ich denke: nicht besonders stark. In meinem Text vom Januar habe ich die Bedeutung des Begriffs bewusst erweitert. Ich habe zwei große Gruppen benannt, die solche Räume brauchen. Die erste sind Menschen in direkter Not — Arme, Diskriminierte usw. Die zweite sind jene, die auf den ersten Blick gut integriert sind, denen das aber nicht genügt — sie wollen Teil einer Gemeinschaft sein und sich in ihr verwirklichen.
Wenn wir an junge Menschen denken … In gewisser Weise gehören sie zu beiden Gruppen. Die meisten sind finanziell nicht unabhängig, also suchen sie wirtschaftlich zugängliche Orte. Gleichzeitig ist das das Alter, in dem man seine ersten Gemeinschaften sucht. Und ich würde noch etwas hinzufügen: Es ist auch die Phase, in der man langsam versteht, was es bedeutet, Bürger:in zu sein. Sozio-urbane Räume können all diese Funktionen erfüllen. Zwei Dinge sind dabei wichtig: Junge Menschen sind keine homogene Gruppe. Deshalb müssen wir über Diversitäten nachdenken. Und es gibt benachteiligte junge Menschen, die solche Orte besonders dringend brauchen — etwa mit geringen finanziellen Mitteln oder aufgrund von Diskriminierung, zum Beispiel wegen ethnischer Herkunft oder sexueller Orientierung.
Viktoria: In unseren Gesprächen im letzten Jahr im Center for Social Vision hast du als weitere Beispiele für „sozio-urbanen Wert“ den Platz vor dem Nationalen Kulturpalast oder die Spiegel des Zentralen Warenhauses genannt — als wichtige Orte für junge Menschen. Was macht sie zu sozio-urbanen Werten?
Viktor: In diesem Fall ist das Label nicht entscheidend. Sie sind für die Menschen, die sie nutzen, wertvoll — und das reicht. Damals hielt ich es nicht für nötig, meine Aufmerksamkeit besonders auf sie zu richten, weil diese Räume ohnehin öffentlich und für die Stadt wichtig sind. Sie werden nicht verschwinden. Mit der Zeit ändern sich vielleicht die jungen Menschen und ihre Aktivitäten dort — das ist ein natürlicher Prozess. Das Einzige, was diese Räume brauchen, ist, dass die Aktivitäten junger Menschen dort nicht verboten werden — Skaten am NDK oder Tanzen am Largo. Jemand hat mir einmal erzählt, dass es Probleme mit dem Sicherheitspersonal im Zentralen Warenhaus gab. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich hoffe nicht.
Wenn wir akademisch darüber nachdenken wollen, können wir das natürlich tun. Ich glaube, diese Praktiken sind besonders bedeutend, weil junge Menschen sich durch sie Räume in der Stadt aneignen. Sie begreifen, dass Sofia ihnen genauso gehört wie allen anderen. Sie „hacken“ die Stadt und transformieren sie für ihre eigenen Bedürfnisse. Gleichzeitig behaupten sie ihre Präsenz gegenüber der restlichen Gesellschaft. Besonders interessant ist, dass sie das an Orten mit hoher symbolischer Macht tun. Das Largo oder das Sowjetarmeedenkmal sind perfekte Beispiele. Durch ihre Praktiken verändern sie die Bedeutung dieser Orte. Sie manifestieren die Haltung des freien Individuums gegenüber Autorität.
Viktoria: Gibt es weitere ähnliche Räume, die deiner Meinung nach Aufmerksamkeit verdienen — in Sofia oder anderswo?
Viktor: Ich denke immer mehr über die Tschitalischta in Bulgarien nach. Sie sind staatlich anerkannte „sozio-urbane Werte“. Wenn wir die Idee praktisch weiterentwickeln wollen, wäre das vielleicht der einfachste Weg. In vielen Orten Bulgariens sind sie extrem wichtige Räume für junge Menschen. Sie bieten vielfältige Aktivitäten und Möglichkeiten zur Gemeinschaftsbildung.
Die Tschitalischta haben eine lange Geschichte. Sie entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts unabhängig vom Osmanischen Reich und basierten auf Prinzipien wie Demokratie, Solidarität und Toleranz gegenüber allen, die auf bulgarischem Boden lebten. Das Netzwerk spielte eine wichtige Rolle in der nationalen Befreiungsbewegung. Sie wurden von der bulgarischen Gesellschaft geschaffen, weil sie gebraucht wurden.
Aber was ist heute ihre Mission? Sie bewahren und vermitteln viele traditionelle Werte der Nation. Und versteh mich nicht falsch — das ist eine wichtige Aufgabe. Aber sie hindert uns oft daran zu fragen, welche Tschitalischta die heutige Gesellschaft braucht. Zudem existieren sie trotz staatlicher Finanzierung in materieller Armut. Auch das ist ein Problem der Zivilgesellschaft, die sie nicht mehr als Orte der Beteiligung wahrnimmt. Es gibt Ausnahmen — Initiativen wie „Trotuar 2020“, „Mechtalishte“ oder unabhängige Räume wie „Kopriva“. Es gibt Bürger:innen, die neu darüber nachdenken, was ein Tschitalischte heute bedeuten kann und was junge Menschen dort tun können.
Viktoria: Welche zentralen Herausforderungen werden junge Menschen im urbanen Raum in naher Zukunft erleben?
Viktor: Global gesehen ist es die Spannung zwischen dem Bedürfnis nach freien, zugänglichen Räumen und der zunehmenden Kommerzialisierung der Stadt. Es ist problematisch, wenn der einzige Ort, an dem sich Studierende treffen können, ein Café oder eine Bar ist. Zwar argumentiere ich selbst, dass solche Orte unter bestimmten Bedingungen auch sozio-urbane Werte sein können — aber diese Bedingungen sind spezifisch. Wahrscheinlicher ist es, dass ein Raum solchen Wert entwickelt, wenn er von Anfang an mit dieser Intention geschaffen wurde. Universitäten könnten mit minimalen Ressourcen Räume zur Selbstorganisation bereitstellen — tun es aber selten. Ein positives Beispiel ist „Projectirane“ an der Universität für Architektur, Bauwesen und Geodäsie (UACEG), das seit einem Jahrzehnt nach diesem Prinzip arbeitet.
Auf lokaler Ebene haben wir ein weiteres Problem: Öffentlicher Raum verschwindet. In neuen Stadtvierteln gibt es keine Zwischenräume zwischen den Wohnblöcken, keine Plätze, selten Gärten, geschweige denn Parks. Das ist nichts weniger als eine städtebauliche Katastrophe. Wenn wir zur Frage zurückkehren, wie wichtig es ist, dass junge Menschen sich öffentlichen Raum aneignen — wie soll das geschehen, wenn er schlicht nicht existiert? Wenn die einzige Logik der Raumproduktion die des Kapitals ist, ist das das Ergebnis.
Viktoria: Besteht die Gefahr, dass das Virtuelle das Reale ersetzt, oder entsteht vielmehr eine neue hybride Stadterfahrung — und worin besteht sie?
Viktor: Es gibt definitiv eine wachsende Spannung zwischen beiden. Während der Covid-Pandemie haben wir das alle erlebt. Der Designtheoretiker Silvio Lorusso spricht von digitalem Maximalismus und minimalem Wohnen.
Was hybride Erfahrung betrifft, würde ich es etwas provokativer sehen. Eigentlich ist daran nichts Neues. Wer in den 90ern und 2000ern aufgewachsen ist, kennt das. Internetcafés waren wichtige Orte des Erwachsenwerdens. Später, mit eigenen Computern, verlagerte sich Kommunikation zwischen physischem und digitalem Raum hin und her — Chats, Computerspiele, Foren …
Das Digitale oder die Hybridität sind nicht das Problem an sich. Aber das Virtuelle von vor 20 oder 30 Jahren unterscheidet sich grundlegend vom heutigen. Wir vergessen manchmal, dass sich das Internet einmal wie ein freier Raum anfühlte. Viele fanden dort ihre sozial-digital wertvollen Räume, die sie geprägt haben. Das Gefühl war radikal anders als heute — mit der Kapitalisierung von Aufmerksamkeit und der Radikalisierung von Standpunkten. Ich will nicht nostalgisch klingen. Diese Dinge existieren noch in gewisser Form. Aber wenn wir für freie physische Räume kämpfen, sollten wir auch für freie digitale Räume kämpfen.
Viktoria: Du bist Teil von Underschool an der UACEG. Welche Probleme siehst du im Bildungsbereich und in der Art, wie junge Menschen die Stadt erleben?
Viktor: Underschool_ ist eine unabhängige Organisation, aber UACEG ist unser wichtigster Partner. Unsere Mission ist es, an einer langfristigen Vision für die architektonische Ausbildung in Bulgarien mitzuwirken. Unsere Motivation ist jedoch nicht rein bildungspolitisch. Unser Ziel ist die Verbesserung der räumlichen Umwelt in Bulgarien. Bildung ist nur ein Element dieses Systems — das, an dem unser Kollektiv arbeitet. Aus dieser Perspektive glauben wir, dass architektonische Ausbildung all die Themen behandeln sollte, über die wir gesprochen haben — und viele weitere.
Viktoria: Viele unabhängige Kultur-NGOs werden von jungen Menschen getragen oder arbeiten mit ihnen — durch partizipative Programme, künstlerische Interventionen und Aktivierung von Gemeinschaften. Welche Rolle spielen sie in Zeiten politischer Krisen?
Viktor: Ihre Rolle ist wichtiger denn je. Leider ist in Bulgarien das Wort „Politik“ negativ besetzt, und viele vermeiden es. Aber Politik ist überall und betrifft uns alle. Bei underschool_ versuchen wir, die Studierenden in unserem Kollektiv zu Bürger:innen einer demokratischen Gesellschaft zu machen. Oft habe ich das Gefühl, selbst nicht genau zu wissen, was das bedeutet. Niemand hat es uns beigebracht. Zumal der Altersunterschied in unserem Team nicht besonders groß ist. Wir lernen voneinander. Wir handeln, machen Fehler und reflektieren sie. Das ist der Weg nach vorn.
Viktor Damov ist Architekt und Doktorand an der Universität für Architektur, Bauwesen und Geodäsie. Er ist Mitbegründer des Forschungskollektivs für Architekturausbildung Underschool_. Im Rahmen dieses Kollektivs war er Mitorganisator der Ausstellung und des Bildungsforums „Education Works: Observations on Architectural Education“. Derzeit nimmt er an einem akademischen Austauschprogramm am GTAS in Braunschweig teil, wo er zum Thema „Spatial Agency“ forscht.