Jugendorte: Von Chill-Spots zu zivilgesellschaftlichen Räumen

Author Katya Romanova
Published November 2025

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Was brauchen junge Menschen an den Orten, an denen sie leben, lernen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen – und wie können wir sie in die Gestaltung der Stadt einbeziehen? Um diese Frage zu beleuchten, sprach die öffentliche Designerin und Stadtprojektmanagerin Katya Romanova mit zwei lokalen Jugendinstitutionen in Berlin-Pankow: dem Kinder- und Jugendbüro Pankow und Gangway e.V. Gemeinsam teilen sie Einblicke, Erfahrungen und Strategien, um die Stadtplanung inklusiver zu gestalten und besser auf die Bedürfnisse junger Menschen einzugehen.

Marc & Roland vor den Räumen von Gangway e.V. in Berlin-Buch

Roland: Ich arbeite beim Träger Gangway e.V. und mache Straßensozialarbeit, oder wie wir es nennen, aufsuchende Jugendsozialarbeit. Ich bin im Jugend-Streetwork-Team in Pankow-Berlin, speziell für den Norden zuständig – also Buch, Karow und Französisch Buchholz. Wir gehen raus auf die Straße, an öffentliche Plätze, und sprechen gezielt junge Menschen im Alter von 14 bis 27 Jahren an, um sie in allen Lebenslagen zu unterstützen. Das kann Probleme in der Schule, häusliche Gewalt oder Konflikte mit der Polizei sein.

Wir vermitteln nicht nur, sondern begleiten die Jugendlichen direkt zu den Stellen, die ihnen helfen können. Wichtig ist die Freiwilligkeit: Ohne Einverständnis der Jugendlichen handeln wir nicht. Unser Ansatz ist kritisch akzeptierend: Wir arbeiten auch mit Jugendlichen, die Substanzen konsumieren oder fragwürdige Weltbilder haben. Das ist kein Ausschlusskriterium. Wir akzeptieren diese Einstellungen erstmal und arbeiten daran, sobald wir eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut haben.

Britta: Als Kinder- und Jugendbüro setzen wir uns dafür ein, dass junge Menschen in Pankow mehr mitbestimmen können – sei es bei politischen Entscheidungen oder wenn sie selbst ihre Ideen einbringen wollen. Wir sind ein Kooperationsprojekt vom Kinderring Berlin e.V. und der Fachstelle Kinder- und Jugendbeteiligung des Jugendamtes Pankow seit April 2024, aber die Stellen für Kinder- und Jugendbeteiligung gibt es schon lange in Pankow. Wir schaffen Räume für Beteiligung, organisieren Projekte, z. B. die Jugendjury Pankow: Junge Menschen können Geld für ihre Projekte beantragen, in der Jury entscheiden und bis zu 1.000 Euro für eigene Projekte erhalten.

Wir arbeiten auch mit Erwachsenen zusammen, beraten Politik, Verwaltung und Fachkräfte zu Kinder- und Jugendbeteiligung, Kinderrechten und politischer Bildung. Besonders im Bereich Stadtplanung arbeiten wir eng mit den Ämtern zusammen, damit Jugendorte und neue Wohnquartiere frei zugänglich und nach den Bedürfnissen der Jugendlichen gestaltet werden.

Katya: Was sind Jugendorte genau?

Roland: Also, wenn wir von Jugendorten reden, reden wir immer von frei zugänglichen Orten im öffentlichen Raum. Jugendliche brauchen Orte, um ungestört zu chillen – ohne pädagogische Angebote oder sinnstiftende Aktivitäten. Orte, an denen sie sich nach der Schule in ihrer Freizeit aufhalten können und jugendtypische Dinge tun. Unsere Idee war, mit Verwaltung, Politik und Bezirk zu sprechen, hilfreich wäre, Zahlen zu haben. Wir haben eine Befragung entwickelt, in der Jugendliche angeben konnten, wie ein Jugendort aussehen soll. 300 Jugendliche in Pankow, später über 1.000 Berlinweit, haben teilgenommen. Die meistgenannten Aspekte: Sitzgelegenheit, am besten wetterfest überdacht, Beleuchtung, Mülleimer, Anbindung an ÖPNV, Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und WLAN.

Katya: Gab es etwas Unerwartetes?

Roland: Nein, eigentlich nicht. Wir arbeiten ja seit über 30 Jahren im Bezirk, die Themen bleiben gleich. Neu war, dass wir jetzt Zahlen haben, auf die wir uns berufen können. Wenn ich sage, 1.000 Jugendliche wünschen sich Sitzbänke, hat das ein anderes Gewicht.

Damit sind wir dann letztendlich jetzt mittlerweile im ganzen Stadtgebiet auch unterwegs über unsere Träger und versuchen halt dieses Thema Jugendorte in die Politik und die Verwaltung zu bringen. In Pankow hatte es Wirkung: Das Bezirksamt hat beschlossen, Jugendorte zu stärken und auszubauen. Ohne die Befragung und unsere Lobbyarbeit wäre das wahrscheinlich nicht ins Rollen gekommen.

Es müssten wirklich gesonderte Plätze sein, und das versuchen wir gerade auf allen Ebenen zu erwirken. Wir merken, dass wir bei Politik relativ schnell auf offene Ohren stoßen, bei Verwaltung nicht so: In der Berliner Verwaltung gibt es sowas nicht, deswegen lassen sich solche Orte schwer umsetzen, weil sich niemand verantwortlich fühlt.

Der Skatepark in Berlin-Buch wurde in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit den Jugendlichen aus der Umgebung gestaltet.

Katya: Wo hängen junge Menschen in Berlin oder in Pankow ab?

Roland: Wir müssen ein bisschen aufpassen: Es geht nicht um alle jungen Menschen, und Jugendorte sind kein Gegenkonzept zu Jugendfreizeiteinrichtungen. Denn es gibt hier in Pankow und auch in ganz Berlin wahnsinnig viele coole Jugendfreizeiteinrichtungen, die echt gute Arbeit machen. Wir haben vor allem Jugendliche befragt, die sich der Struktur einer Jugendfreizeiteinrichtung nicht unterwerfen können – also Jugendschutz, Regeln, Alkoholverbot. Manche wollen konsumieren, reden über Themen aus Rap-Texten, die in geschützten Räumen schwierig sind. Diese jungen Menschen weichen auf den öffentlichen Raum aus.

In Buch-Pankow gibt es viele öffentliche Plätze, die zwar keine offiziellen Jugendorte sind, aber viele Kriterien erfüllen: abgeschirmt, mit Sitzgelegenheiten, Einsicht in alle Richtungen. Je weiter man in die Stadt kommt, desto schwieriger wird es. In Prenzlauer Berg etwa treffen sich Jugendliche am Stargarderplatz, werden aber oft vom Ordnungsamt angesprochen und pro forma schon ein Platzverweis ausgestellt.

Katya: Und sonst? Shoppingmalls?

Roland: Shoppingmalls sind in anderen Bezirken bestimmt ein Thema – z. B. das Gesundbrunnen-Zentrum oder Steglitzer Kreisel, wo leerstehende Flächen für Jugendliche geöffnet wurden (Project “ZiK – Zeit ist knapp”).

Das Problem für Gewerbe ist oft, dass junge Menschen nicht so viel Geld haben, um sich dort regelmäßig aufzuhalten und zu konsumieren. Trotzdem chillen sie dort, nutzen WLAN, besetzen Sitzgelegenheiten, sind vielleicht laut, ärgern die Security, lassen vielleicht mal was mitgehen, und die Toiletten sind stärker genutzt. Das wird alles nur so lange akzeptiert, wie sie bezahlen.

Wir versuchen zu zeigen: Man darf auch am öffentlichen Leben teilnehmen ohne Geld. Wenn Jugendliche im Park Alkohol trinken und Musik hören, gilt das als Störung – wenn Erwachsene beim Jazz-Festival Wein trinken, ist das Kultur. Der Unterschied ist nur das Finanzielle. Darauf wollen wir aufmerksam machen und Verständnis schaffen, warum junge Menschen sich im öffentlichen Raum aufhalten.

Britta: Ich wollte auch nochmal daran anschließen: Jugendliche haben einfach kein gutes Image – zumindest bei erwachsenen Entscheidungsträgerinnen. Wir fragen uns oft, ob alle vergessen haben, dass sie selbst mal jung waren. Es gibt einen starken Druck auf Jugendliche, wie sie sich zu verhalten haben, sie stehen unter ständiger Beobachtung.

Und weil Orte für junge Menschen gesetzlich nicht verankert sind, ist es besonders schwer, etwas durchzusetzen. Bei Spielplätzen ist es einfach, weil sie gesetzlich geregelt sind – mit Definitionen und Normen. Deswegen ist es ein großes Ziel, dass auch Orte für Jugendliche gesetzlich verankert werden. Das ist schließlich Teil der UN-Kinderrechtskonvention, die bis 18 Jahre gilt. Darin steht, dass junge Menschen besondere Orte brauchen, um sich zu entfalten, Freizeit, Spiel und Erholung zu haben nach ihren Bedürfnissen.

Jugendliche nutzen diesen versteckten Bereich im örtlichen Park aktiv, Berlin-Buch

Katya: Es gibt oft die Behauptung, dass junge Menschen sich nicht engagieren wollen, sondern nur chillen. Erlebt ihr das auch? Und wie können wir sie fördern, sich mehr in Stadtplanung zu engagieren? 

Roland: Zur ersten Frage – ja, sie wollen chillen. Aber das liegt daran, dass sie den ganzen Tag in der Schule sind. Die meisten haben bis 16 Uhr Unterricht, stehen unter vielen Regeln, Anwesenheitspflicht. Danach wollen sie raus, den Kopf freibekommen und ihre Freizeit so gestalten, wie sie wollen.

Wenn Jugendliche heute draußen sind, wird schnell vermutet, sie konsumieren, dealen oder sind kriminell. Beim Thema Jugendorte kommt sofort die Angst:  Also beim Jugendorte immer wieder Thema ist, dass gesagt wird, wenn wir jetzt extra Orte für Jugendliche schaffen, sind das dann nicht kriminelle Hotspots? Aber dass all diese Dinge passieren, auch ohne Jugendorte, das wird dabei gar nicht so gern gesehen.

Britta: Bei Beteiligung oder Engagement in Stadtplanungsprozessen ist es wie bei Erwachsenen: Man muss es attraktiv machen und den Mehrwert zeigen. Wichtig sind schnelle, sichtbare Effekte – nicht nur Projekte, die in fünf Jahren umgesetzt werden. Auch Erwachsene gehen ja nicht zu jeder Kiezveranstaltung. Man muss beide Gruppen gezielt ansprechen und motivieren.

Schwierig ist auch das fehlende Vertrauen vieler Jugendlicher in Verwaltung, Politik und Gesellschaft. Viele sagen: „Warum soll ich hingehen, ich kann eh nichts bewirken.“ Dieses Misstrauen hängt eng mit dem negativen Jugendbild zusammen – wenn ständig gesagt wird, Jugendliche würden nur rumsitzen und chillen, wirkt das entmutigend. Umso wichtiger ist, Vertrauen und echtes Ernstnehmen zu zeigen – das gilt nicht nur für junge Menschen, sondern für alle.

Katya: Gäbe es etwas, was ihr gerne mitteilen möchtet oder noch erzählen möchtet? 

Roland: Oft wird gefragt, was schlimm daran ist, wenn Jugendliche nicht im öffentlichen Raum chillen. Meine größte Angst ist, dass sie sich dann noch mehr in den digitalen Raum zurückziehen. Der öffentliche Raum ist zentral für ihre Sozialisation – dort findet unbewusster Austausch statt, dort lernen sie Demokratie kennen, sehen Plakate, Wahlaufrufe, Beratungsangebote.

Wenn dieser Raum wegfällt, erleben sie die Welt nur noch durch Social-Media-Algorithmen, die schnell einseitig werden. Und das ist so ein bisschen meine größte Angst, dass wir die Jugend halt an das Digitale komplett verlieren, weil sie sich dahin einfach zurückziehen und sich dann gegebenenfalls dort in bestimmte Richtungen radikalisieren können.

Britta: Ich würde zum Schluss noch ergänzen, dass es eigentlich eher die Frage ist, wer Teil unserer Gesellschaft ist – und wie wir die Stadt daran anpassen können. Und nicht, wie sich die Menschen an unsere Stadt anpassen müssen.

 

Gangway e.V. (Berlin) steht für Straßensozialarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen in Berlin. Seit 1990 sind über 100 Sozialarbeiter*innen in 11 von 12 Bezirken aktiv – überall dort, wo gesellschaftliche Teilhabe besonders herausfordernd ist. Gangway unterstützt Menschen dabei, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten, Wege aus Sucht, Wohnungslosigkeit oder Konflikten zu finden und neue Perspektiven in Bildung, Arbeit und Gemeinschaft zu entwickeln. Ziel ist es, Menschen Mut zu machen, ihre Lebenssituation nachhaltig zu verändern und aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben. 

Kinder- und Jugendbüro Pankow (Berlin) setzt sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche im Bezirk Pankow mehr Mitbestimmung und Beteiligung erfahren – etwa bei der Gestaltung von Spielplätzen, Jugendorten und Freizeiteinrichtungen. Als Kooperationsprojekt des Kinderring Berlin e.V. und der Fachstelle Kinder- und Jugendbeteiligung und politische Bildung des Jugendamtes Pankow bietet das Büro Beratung, Workshops und Beteiligungsprojekte an. Es vertritt die Interessen junger Menschen gegenüber Politik und Verwaltung, fördert Selbstorganisation und Kinderrechte und unterstützt Akteur:innen der Kinder- und Jugendarbeit im Bezirk. Ziel ist es, Pankow zu einer kinder- und jugendfreundlichen Kommune zu gestalten.  

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