„Was würdest du mit anderen teilen und was sollte mit dir geteilt werden?“ – Sharing Kiosk von Koopkultur

Author Maryna Markova
Published December 2025
Location Berlin

English version / на български

Ein Kiosk, der nicht verkauft, sondern teilt: So begann das Projekt Sharing to Empower. Es fragte, wie neu angekommene Menschen aus der Ukraine in Berlin Formen des Teilens erproben – und wie daraus in einer neuen Stadt Praktiken entstehen können, die Halt geben, Gemeinschaft schaffen und das Umfeld mitgestalten.

Den Auftakt bildete der Bau eines mobilen Sharing Kiosks, entworfen und gebaut von einer Willkommensklasse in Berlin. Die Jugendlichen gaben ihm den Namen „Небайдужі“ – ein ukrainisches Wort, das bedeutet: „die Engagierten“, „diejenigen, denen es nicht egal ist“.

Am Anfang stand eine einfache Frage: Was würdet ihr mit anderen teilen – und was sollte mit euch geteilt werden? Objekte, Wissen, Gesten, Erinnerungen. Aus dieser Frage entstand kein Katalog, sondern ein Prozess des kollektiven Storytellings. Die Ideen nahmen Gestalt an – als mobiles Vehikel: ein Kiosk auf einem Lastenrad, das Dinge, Erfahrungen, Praktiken und Botschaften von Ort zu Ort trägt.

Visionen des Teilens

Einige stellten sich ein Minihotel auf Rädern vor – einen Ort, an dem man unterwegs für einen Moment ankommt. Hier kann man das Handy laden, den Durst stillen, kurz duschen, das Fahrrad reparieren und neue Kraft sammeln.

Andere sahen eine Erste-Hilfe-Station für Ankommende: Regale voller Dinge, die sofort gebraucht werden – Hygieneartikel, Kleidung, Medikamente. Dazu Spielsachen und Buntstifte für Kinder, Futter für Haustiere. Und ein Regal, in das man etwas legen und dafür etwas anderes mitnehmen konnte.

Eine dritte Gruppe wollte den Kiosk ganz den Tieren widmen. Ihre Begründung: Menschen bekommen oft Unterstützung, Tiere aber kaum. Also dachten sie an Trinkbrunnen, Futterstellen und ein kleines Häuschen zum Schlafen oder Verstecken – ein Stück Zuhause mitten in der Stadt, nur für Tiere.

Andere erinnerten sich an die Ukraine: an Spiele im Baumhaus, an Freundschaften und Gespräche zwischen den Ästen. Daraus entstand die Vision eines Kiosks, der wie ein Baumhaus sein sollte – ein Ort für Freude, für Stühle in der Sonne, für eine geheime Box, in der man Wünsche hinterlassen kann, und für eine Vitrine, in der Botschaften sichtbar werden und weitergetragen werden.

Das gemeinsame Ergebnis

Die vielen Vorstellungen ließen sich nicht leicht verbinden. Doch Schritt für Schritt wuchs daraus ein kleiner Kiosk auf einem Lastenrad: mit selbstgebauten Stühlen, Regalen zum Tauschen und Werkzeug zum Reparieren von Fahrrädern. Sein Dach konnte aufgeklappt werden – einmal ein Tisch zum Essen, dann wieder eine Druckstation oder eine Werkbank für neue Ideen.

So wurde der Kiosk zu einem Ort für Geschichten. Auf seiner Oberfläche schrieben die Jugendlichen Botschaften und Erinnerungen. Im Inneren fanden geheime Texte Platz – Worte, die niemand lesen sollte – und stärkende Nachrichten, die sich an die Menschen richteten, die den Kiosk später in Empfang nahmen.

Am Ende war der Sharing Kiosk weit mehr als ein praktischer Raum. Er wurde zu einem kollektiven Erzählwerkzeug: ein lebendiges Beispiel dafür, wie Storytelling als partizipative Praxis wirken kann – indem es Jugendlichen ermöglicht, ihre Umgebung mitzugestalten, Gemeinschaften zu aktivieren und neue Bilder von „Zuhause“ in einer fremden Stadt zu entwerfen.

Entstanden ist das Projekt in Zusammenarbeit von Koopkultur e.V, mit dem Architekten Thomas Wienands und Tanja Sokolnykova, Kulturvermittlerin, somatische Praktikerin und Aktivistin.

Koopkultur e.V. ist eine Migrant*innenselbstorganisation und ein interdisziplinäres Netzwerk, das künstlerische, bildungsbezogene und soziale Prozesse anstößt. Unsere Arbeit versteht sich als Beitrag zu einem gesellschaftlichen Lernen, das von Alltagserfahrungen, Raumbeziehungen und kollektiven Wissensformen ausgeht. Wir arbeiten mit und im Raum – räumlich als gestaltbare Umgebung und sozial als Ort der Begegnung und Aushandlung. Lernen begreifen wir als etwas, das sich zwischen Menschen, Körpern, Dingen und Geschichten entfaltet. 

Search