Interview: Neue Tendenzen der chinesischen Urbanisierung

Author Katja Hellkötter
Published September 2019
Location Berlin
Dr. Eduard Kögel © www.jansiefke.de

 Eduard Kögel ist einschlägiger Experte im Bereich des deutsch-chinesischen  Architektur- und Stadtentwicklungsaustausches. Bereits bei der Konzeption des Programms in 2016 beriet er das STADTMACHER-Team bei CONSTELLATIONS und plädierte für den Ansatz der Fokussierung auf soziale Innovationen, Kultur und neue Formen des Lernens. Er ist auch Mentor der STADTMACHER-Fokus-Gruppe “Cultural Memory, History and Heritage”, die im zweiten Programmjahr startete und zu dem Inkubator-Projekt “Wuhan Narrative” führte.  Den Auftakt des vierten STADTMACHER-Jahres nutzte das STADTMACHER-Team für ein abermaliges Reflektionsgespräch mit Eduard Kögel zu einigen zentralen Fragestellungen unseres großen Themas. Die Fragen stellte Katja Hellkötter. 

Welche Entwicklungen / große Tendenzen beobachtest Du derzeit in China in Bezug auf die Urbanisierung?

Die Städte stehen vor gewaltigen Herausforderungen, denn die Finanzierung liegt in den Händen der Verwaltung, die ihre Einkünfte hauptsächlich aus dem Land-Leasing bekommt. Es müssen also immer neue Flächen zur Urbanisierung ausgewiesen werden, um die laufenden Kosten zu decken. Da das System nicht funktioniert, stehen viele Städte vor dem Bankrott. So ergeht es auch mehr und mehr Privathaushalten, die ihre Kredite für das gekaufte Apartment nicht zurückzahlen können. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen wirtschaftlichen Abschwächung sind das alarmierende Rahmenbedingungen für nachhaltige Stadtplanung.

Von der 2012 verkündeten Urbanisierungswelle, die noch einmal 250 Millionen Bauern als neue Konsumenten in die Städte bringen sollte, hört man heute nur noch wenig. Im Gegenteil, heute werden Personen mit einem ländlichen Hukou zurück aufs Land geschickt, wo sie oft keine Perspektive für ein auskömmliches Leben sehen. Der Weg zu gleichen Lebensbedingungen in Stadt und Land ist noch lang und mit vielen ungelösten Konflikten verbunden. Architektur und Planung spielen hier eine gewisse Rolle, wenn es darum geht mit simplen Eingriffen die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Natürlich steht heute auch die zunehmende flächendeckende Überwachung des Einzelnen im öffentlichen Raum auf der Agenda. Daraus wird sicherlich keine Innovation für ein besseres Leben erwachsen, sondern sie führt im Gegenteil dazu, dass keiner sich traut, einer gegebenen Praxis zu wiedersprechen, unabhängig davon wie falsch sie ist.

In den letzten Jahren kam für kleine Architekturstudios mehr und mehr der ländliche Raum ins Visier, denn dort lassen sich Projekte verwirklichen, die in Städten nicht möglich sind. Die Notwendigkeit der Entwicklung im Hinterland lässt Spielräume zu, die neue Lösungen produzieren und die oft auf eine aufgeschlossene Bewohnerschaft treffen, die keine Erwartungen an den Staat hat und weiß, dass sie selbst innovativ werden muss.

Du stehst im ständigen Dialog mit Deinem langjährigen Freundesnetzwerk chinesischer ArchitektInnen und StadtplanerInnen und dokumentierst seit vielen Jahren die zeitgenössische chinesische Architekturszene. Was beobachtest Du bei den KollegInnen – was beschäftigt sie?

Der Staat hat ein großes Interesse an künstlicher Intelligenz. Die Möglichkeiten, die sich hier auch für die Produktion von Architektur eröffnen, sind offensichtlich sehr attraktiv für viele junge Architekten. In der Ausbildung werden deshalb Experimente angeboten, die der jungen Generation neue Perspektiven eröffnen sollen. Auf einem enger werdenden Arbeitsmarkt ist der Umgang mit neuen computergesteuerten Arbeitsprozessen eine nachgefragte Qualifikation. Man darf hier mit Skepsis abwarten was daraus erwächst.

Wie schon oben angemerkt, ist die ländliche Entwicklung ein großes neues Feld, das von den staatlichen Büros nur mit Standardlösungen bedient werden kann. Hier produzieren kleine Büros individuelle Lösungen, die im Kontext funktionieren. Gerade low-tech-Lösungen mit lokalem Handwerk, Technik und Material stehen für eine neue Nachhaltigkeit in den Dörfern. Kooperationen und Forschungen mit ausländischen Institutionen sind zu diesen Fragen unerlässlich.

Einige der jüngeren chinesischen Architekturstudios wagen sich nun auch ins Ausland und bringen ihre Erfahrungen in andere kulturelle Kontexte, wo sie eventuell die lokalen Strategien befruchten können.

Du hast zusammen mit Kollegen ein Projekt über die südostasiatische (Architektur-) Moderne kuratiert und beraten. Was ist in Südostasien anders als in China?

Es ist nicht ganz einfach, da es in Südostasien keine einheitliche Entwicklung gibt. Es fängt schon damit an, zu definieren welche Länder zu Südostasien gehören. Früher war zum Beispiel Hongkong Teil davon während es heute nicht mehr dazugehört. Die vier Länder oder besser gesagt Städte (Singapur, Yangon/Myanmar, Phnom Penh/Kambodscha, Jakarta/Indonesien), die wir in unserem Projekt betrachten, liegen in Ländern mit unterschiedlichen Herausforderungen. Singapur ist als Stadtstaat wirtschaftlich und politisch stabil, und hatte nicht zuletzt deshalb seit seiner Unabhängigkeit 1965 eine sehr positive Entwicklung. In Kambodscha haben die Roten Khmer ein Desaster angerichtet, von dem sich das Land nur langsam erholt. Indonesien ist das größte muslimische Land der Welt und steht vor gewaltigen Herausforderungen, nicht nur weil die Hauptstadt Jakarta im Meer zu versinken droht. Und Myanmar war 50 Jahre Militärdiktatur, in der viele historische Referenzen aus der Wahrnehmung getilgt wurden. Die Ausgangslage ist also divers und die Herausforderungen sind es auch.

In unserem Projekt „Encounters with South East Asien Modernism“ geht es vor allem darum, sich gegenseitig kennenzulernen, um auszuloten, wo gemeinsame Schnittmengen vorhanden sind, die sich in die jeweils anderen Diskurse mitnehmen lassen. Zum Beispiel sind Fragen des Klimas in dieser Region schon für viele Jahre ein Thema in Architektur und Städtebau.

Und was können Europa, Südostasien und China jeweils voneinander lernen?

Die Frage des gegenseitigen Lernens ist uns wichtig, obwohl wir uns auch klar sind, dass jeder die Aspekte mitnimmt, die für seinen Kontext bedeutsam sind. Südostasien und China – vor allem Südchina – stehen zum Teil vor ähnlichen Fragen und man kennt sich gegenseitig viel zu wenig. Deshalb wäre es für die Zukunft bedeutsam, auch hier einen Süd-Süd-Dialog zu etablieren, der einfache Lösungen mit lokalen Materialien zum Ausgangspunkt hat. Wir versuchen hier eine Plattform anzubahnen, in dem wir die jeweiligen Aktivisten und Experten nicht nur nach Deutschland bringen, sondern die Kollegen auch in der Region jeweils in die anderen Orte mitnehmen.

Wenn Mittel und Finanzierung kein Problem wären: Welches Projekt zwischen Deutschland und China würdest Du gerne realisieren?

Wie kann eine superdichte Stadt aussehen, die human gestaltet ist und die ressourcenschonend als Vorbild dienen kann. Wir müssen uns hier vom Vorbild der europäischen Stadt lösen, denn in Asien wird man nie diesem Modell folgen können. Zugleich müssen neue Strategien für den ländlichen Raum erprobt werden. Hier geht es um die „Urbanisierung“ der Köpfe und um gleiche Lebensbedingungen, die zwischen Stadt und Land einen Ausgleich suchen.

Wenn es also keine Limits gäbe, würde ich vorschlagen, in beiden Ländern Labore einzurichten, in denen vor Ort in gemischten Teams mit der lokalen Bevölkerung an Verbesserungen gearbeitet werden kann. Wichtig wäre dabei, dass die TeilnehmerInnen genügend Zeit mitbringen um eine sichtbare Spur zu hinterlassen, der lokal auch weiter gefolgt werden kann. Ob es dann in der Peripherie chinesischer Megastädte liegt oder in der dünn besiedelten brandenburgischen Dorflandschaft, scheint mir nicht so wichtig. Denn in beiden Fällen ist der Bedarf vorhanden.

Was wünscht Du dem STADTMACHER-Programm für das letzte Förderjahr?

Ich wünsche dem STADTMACHER-Programm die angestoßenen Projekte zu einem Zwischenergebnis zu führen, das sich als Sprungbrett für vertiefende Auseinandersetzungen eignet.

Zu Wuhan Narrative: Im Herbst 2020 möchten wir Ergebnisse des STADTMACHER-Programms präsentieren. Wie könnte sich „Wuhan Narrative” weiterentwickeln und was wäre ein schönes Ergebnis für dieses Teilprojekt?

Ohne Geschichte gibt es keine Zukunft. Deshalb ist es wichtig, die historischen Aspekte so zu präsentieren, dass sie Fragen aufwerfen, die der heutigen Auseinandersetzung um Erhalt und Weiternutzung helfen. In Wuhan gibt es ein starkes lokales, bürgerschaftliches Engagement junger Leute, das nicht von offiziellen Stellen getragen wird. Darunter gibt es Personen, die ein großes Interesse daran haben, die kolonialen Spuren zu sichern und in die historische Erzählung einzubauen. Die wenigen baulichen Hinterlassenschaften aus der ehemaligen deutschen Konzession – die im Übrigen die erste deutsche Konzession in China war – eignen sich sehr gut dazu, Fragen zu Heritage, Umnutzung oder zum Arbeitsumfeld von Creative Industries zu diskutieren.

Die lokalen Initiativen werden durch ein Engagement deutscher Experten stark aufgewertet. Bei „Wuhan Narrative“ wurden auf deutscher Seite historische Materialien in deutschen Archiven untersucht, während in Wuhan der Frage heutiger Nutzungen und Herausforderungen nachgegangen wurde. Diese Ergebnisse sollten noch stärker in die Öffentlichkeit getragen werden, zum Beispiel in Form einer kleinen Publikation. Eine solche Publikation kann auch als „Türöffner“ wirken, sowohl bei den fachlichen Stellen in Deutschland als auch bei ihren chinesischen Counterparts. Diese Aufgabe wäre mit überschaubarem Aufwand zu meistern.

„Future of Living“ and „Education for CITYMAKING“: Eine Teilgruppe beschäftigt sich mit Ideen für neue Bildungs- und Schulangebote für eine neue Generation von Stadtmachern (u.a. Crossboundaries). Was siehst Du hier für Potentiale? Was wäre hier ein sinnvolles deutsch-chinesisches Projekt?

In Deutschland gibt es bereits eine Tradition selbstorganisierter Bildung, die sich zum Beispiel in universitären Sommerschulen oder Projekten von Aktivisten niederschlägt. In Berlin sind die Floating University am Tempelhofer Feld oder das Haus der Statistik solche Institutionen, die sich mit kooperativen und am Gemeinwohl orientierten neuen Lehr- und Lernmethoden im Kontext der Stadt positionieren.
Aber auch in Südostasien finden sich neue, alternative Schul- und Lebenskonzepte, die sich gegen den Mainstream stellen. Das Künstlerkollektiv ruangrupa – das die kommende Documenta in Kassel leiten wird – hat in Jakarta die gudskul gegründet, um neue Ideen zu erproben. Ähnliche Ideen finden sich auch im Norden Thailands, wo Künstler eine Initiative für ein kommunales Miteinander gestartet haben. In China kann man sicher das Bishan-Projekt des Künstlers Ou Ning nennen, mit dem er versucht eine kritische Öffentlichkeit zu generieren, von der neue Impulse für die Entwicklung des ländlichen Raumes ausgehen. Hier gibt es vielfältige Anknüpfungspunkte, die mit Hands-on-Laboren in China und Deutschland verknüpft werden könnten.

Welche weiteren Themen hältst Du noch für relevant für unseren deutsch-chinesischen STADTMACHER-Dialog?

Heute hört man allenthalben von der Smart City, bei der eine große Menge an Daten produziert wird. Die Probleme mit diesem Rohstoff für die Wirtschaft schließen den persönlichen Datenschutz ein. In China saugt der Staat alles ab, um so seine Bürger zu kontrollieren. Hier sind es private Firmen, die immer wieder mit geschickten legalen, halblegalen oder illegalen Methoden an die Daten ihrer Kunden kommen und so in ihrem Sinne die Nutzer manipulieren können. Es braucht hier eine kritische Diskussion über die Verwertung von gesammelten Daten und die Frage, ob dadurch die städtische Infrastruktur tatsächlich besser wird – oder auch die Frage: Wann ist eine Stadt tatsächlich smart?

Ausbaufähig ist die Interaktion mit den Nutzern, was sicher wegen sprachlicher Probleme und weil solche Dinge in China bislang nur rudimentär gemacht wurden, ein schwieriges Thema bleibt. Dennoch ist es wichtig, die Empathie zu fördern und den Planern, Architekten und Aktivisten deutlich zu machen, dass am Ende die Bevölkerung mit den Lösungen leben muss.

Vielen Dank für das Interview, Eduard Kögel!

Dr. Eduard Kögel studierte Stadt- und Landschaftsarchitektur der Universität GH Kassel und promovierte  an der Bauhaus Universität Weimar. Er arbeitet als freier Publizist und Kurator, ist Mitglied im Editorial Board der Zeitschrift World Architecture, und hat in den letzten 20 Jahren etliche deutsch-chinesische Ausstellung-, Forschungs- und Kulturprojekte initiiert, kuratiert und beraten.

 

 

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