Interview: Yimeng WU – “Grafik in der Stadt”

Published August 2017
Location Berlin

In Shanghai geboren und im Alter von 9 Jahren ins Ruhrgebiet gekommen, fühlt sich Designerin Yimeng Wu 吳禕萌 am wohlsten zwischen den Kulturen. Sie studierte an der Folkwang Hochschule der Künste (Essen), an der EnsAD (Paris) und an der Universität der Künste (Berlin). Die Wahlberlinerin ist Gründerin des Designbüros Studio Wu 無 mit Fokus auf Interkulturelle Gestaltung/China und Europa. Das Spektrum von Yimeng Wus Arbeit reicht von Illustration, Schriftkunst und Buchgestaltung bis hin zu Kreativtrainings. Das Buch ist ihr liebstes Medium um künstlerische Explorationen zum Thema „kulturelle Identität“ auszudrücken. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgestellt und ausgezeichnet, u.a. mit dem German Design Award im Wettbewerb „Schönste Bücher Deutschlands”.

STADTMACHER: Welchen Stift, welche Farbe und welches Papier benutzt Du häufiger, um Stadt zu skizzieren?

Yimeng Wu: Aktuell sind es Polychromos Buntstifte von Faber Castell sowie Brush-Marker-Pinsel aus Taiwan. Beim Papier bevorzuge ich handliche Skizzenbücher mit offenen Naturpapieren.

R = 255 G = 100 B = 32; R= 0 G = 151 B = 147? Wie kam es zu der Auswahl?

Das visuelle Erscheinungsbild ist beeinflusst vom Landschaftsbegriff Shanshui 山水, zu deutsch: Berg-Wasser. Grün symbolisiert das Wasser, Orange die Berge. Übertragen auf die deutsch-chinesische Stadtlandschaft gibt es urbane Elemente, die „fester“ Natur sind wie die Architektur und Straßenzüge, und „fließende“ Elemente, die das Zusammenleben besonders machen wie die Bewohner, die lokale Kiez-Kultur oder die Natur in der Stadt.

Die STADTMACHER Corporate Identity setzt sich aus einer deutsch-chinesischen Stadtlandschaft zusammen, die zusammengesetzt aus symbolhaften Elementen besteht. Zieht sich dieser Ansatz als roter Faden durch Deine Gestaltung?

Die Kulturmischung ist schon ein Leitmotiv, da ich visuelle Eindrücke aus Chinas und Europa sammele. Des Weiteren mixe ich auch gerne analoges Handwerk mit digitalen Medien. Die Stadtmacher-Icons entstammen einer Do-it-Yourself-Stempel-Ästhetik, die uns dazu anregen soll, selber im Stadtraum aktiv tätig zu werden.

Du hast viele Stadttouren in China und Deutschland aus Sicht einer Grafikerin gegeben, welche Inspiration ziehst Du daraus?

Dass die Inspiration sehr nahe liegt: Es sind die kleinen Geschichten, die jeder noch so unscheinbare Ort in der Stadt erzählen kann, wenn ich beginne sie bewusst zu „lesen“. Das Zeichnen in der Stadt hilft mir, genauer zu beobachten. Ich entdecke Spuren historischer Ebenen, Zeugnisse von kreativen Einwohnern und vieles mehr. Es sind formelle und informelle Codes, die einem Ort seinen eigenen visuellen „Rhythmus“ verleihen. Letztens hatten wir eine „Typosafari“ zwischen Friedrichshain und Kreuzberg veranstaltet, auf der wir die Geschichte der Ost-West-Teilung in den Straßenschriftzügen entdecken konnten.

Was sind die aktuellen Trends in der Gestaltung chinesischer GrafikerInnen und wie beurteilst Du die zeitgenössische chinesische Buchgestaltung?

Heutzutage sind chinesische Gestalter schneller über globale Designtrends informiert als wir hier in Deutschland. Beispielsweise sehe ich die ersten Bilder vom Rundgang an der UdK in Berlin zuerst in einem WeChat-Designkanal aus Shanghai. Neben den internationalen Einflüssen, die schnell absorbiert werden, gibt es die intensive Beschäftigung mit chinesischer Schrift, die ein unverkennbares Zeichen chinesischen Grafikdesigns ausmacht. Die neue Buchkunst in China legt zudem sehr viel Wert auf Materialität – aufwendige Umschläge, experimentelle Bindetechniken und Papierauswahl machen Bücher zu Kunstobjekten.

Yaotaos Zeichen“ ist Deine aktuelle Publikation. Kannst Du uns mehr verraten?

Ich habe eine Graphic Novel über die Erlebnisse einer französisch-chinesischen Familie im 2. Weltkrieg geschrieben. Der Protagonist ist Yaotao, ein junger Student aus Peking, der in den 30er Jahren per Schiff nach Lyon kam, um Medizin zu studieren und sich in eine Französin verliebte. Inspiriert ist die Handlung durch Recherchen im „Fonds Chinois“ (chinesisches Archiv) des ehemaligen Institut Franco-Chinois in Lyon – ein Ort, der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts über 400 chinesische StudentInnen empfangen hat. Durch Collagetechnik und gesammelte grafische Elemente aus dem Archiv habe ich versucht, die besondere historische Atmosphäre nachzubauen. Das Buch ist gerade erschienen beim kunstanstifter Verlag.

Bitte nenne uns drei GestalterInnen in China, die Du beeindruckend findest.

Ich bewundere „grenzüberschreitende“ GestalterInnen: Stanley Wong 黃炳培 aus Hongkong, der gesellschaftskritische Konzeptkunst über die Urbanisierung in China mit Grafikdesign vereint. Xü Bing 徐冰, der Künstler, der bekannt ist für seine installativen Interpretationen der traditionellen Kalligrafie und Druckgrafik; Und Jiang Qiong’er 蒋琼耳, Designerin und Kreativchefin vom Hermès-Label 上下 Shangxia, welches hochwertige chinesisches Handwerk mit französischem Chic kombiniert.

Wenn Du einen Projektvorschlag im Rahmen der Deutsch-Chinesischen Urbanisierungspartnerschaft einreichen könnten: Was wäre das?

Ich stelle mir ein Projekt vor, welches die Komponenten Urban Gardening, Zeichnen in der Stadt und Partizipation der lokalen Bewohnerschaft vereint. Also wo gemeinsam die Kieze begrünt werden und mit den Einwohnern und Einwohnerinnen vor Ort gemeinsam gezeichnet wird.

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