Interview: Markthalle Neun in Berlin – Von der Ernährungswende zur Agrarwende

Author Luisa Keinprecht
Published March 2019
Location Berlin
Florian Niedermeier © Markthalle Neun

2011 wurde die Kreuzberger Markthalle an Florian Niedermeier, Bernd Maier und Nikolaus Drießen verkauft. Die Stadt Berlin war überzeugt vom Konzept zur Wiederbelebung der Markthalle in ihrer ursprünglichen Funktion. Es beinhaltete die Ansiedlung des kleinteiligen Lebensmittelhandels und -handwerks mit Fokus auf nachhaltigen Produkten und Wertschöpfungsketten. Durch Transparenz, den direkten Kontakt zu den Erzeugern und dem Wochenmarkt ergänzende Themenmärkten soll der bewusste Umgang mit Lebensmitteln, ihrer Herkunft und Produktion wieder gestärkt werden. Die Markthalle ist nicht nur Ort des Handels, sondern auch des Handelns: Mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Festival „Stadt Land Food“ bieten die Besitzer der Markthalle Neun auch eine „Plattform für politischen Dialog und eine neue Esskultur“.  STADTMACHER-Teammitglied Luisa Keinprecht befragte den Mitbegründer Florian Niedermeier zur Entstehung, der Zukunftsvision und dem Beitrag der Markthalle zur Gesundheit Berlins. 

Wie kam es zur Markthalle Neun und was war deine persönliche Motivation dahinter?

Florian Niedermeier: Bei mir hatte es natürlich mit meiner Leidenschaft für Lebensmittel und der Suche nach lokalen und regionalen Lebensmitteln zu tun. Ich komme aus Augsburg, einer kleinen Großstadt mit 260.000 Einwohnern und einem etablierten Stadtmarkt mit festen Ständen. Das Gelände wird von der Stadt bewirtschaftet und ist abgeschlossen, außerdem gibt es auch noch einen offenen Platz, wo samstags die Bauern verkaufen. Dass das zehnmal so große Berlin keinen ständigen Stadtmarkt hat, hat mich sehr gewundert. Die Idee, eine Markthalle zu gründen, entstammt also meiner Leidenschaft für Märkte, fürs Kochen und für Lebensmittel und meinem Studium der Kulturwissenschaften, also auf der einen Seite aus der praktischen Arbeit mit Lebensmitteln und auf der anderen Seite aus der Kulturvermittlung.

2007 habe ich mit meinem besten Freund Bernd Maier einen Lebensmittelladen im Prenzlauer Berg aufgemacht, die Meierei. 2011 haben wir dann die Markthalle erworben, obwohl wir mit dem Laden viel zu tun hatten.

Wie kam es denn dazu, dass ihr die Markthalle erworben habt?

Die Stadt Berlin hat damals die Markthalle verkaufen wollen, weil sie der Meinung war, dass es keine Infrastruktur mehr ist, die die Stadt aufrechterhalten müsse. Zudem war sie nicht wirtschaftlich. Eigentlich ist es komisch, dass die öffentliche Hand sagt „Wir brauchen uns nicht um Ernährung zu kümmern, das machen die Supermärkte. Billiges Essen für die Massen ist vorhanden, das ist keine öffentliche Aufgabe.”

Am Anfang sollte die Markthalle an den Meistbietenden verkauft werden, um den größtmöglichen Profit zu erzielen. Die Anwohnerinitiative Eisenbahn.MarktundKultur.Halle, die wir als Projektgruppe Markthalle Neun aktiv seit 2009 unterstützt hatten, gab jedoch zu bedenken, dass meistbietend nicht unbedingt das beste Konzept bringt. Dank des unermüdlichen Einsatzes der Initiative, beschloss die Stadt Berlin daraufhin die Markthalle zu einem Festpreis von 1,15 Mio. Euro anzubieten und leitete ein konzeptgebundenes Verfahren ein. Mit unserem Konzept, kleinteiligen Handel sowie kulturelle und soziale Angebote in der Markthalle zu integrieren, haben wir dann den Zuschlag bekommen und eine Nutzungsbindung unterschrieben.

Die Meierei war sicherlich ein guter „Stepping Stone”.

Ja genau, durch den Laden hatten wir schon ein gutes Netzwerk. Alle, die in der Markthalle Neun angefangen haben, kannten wir schon, weil wir mit denen bereits Geschäftsbeziehungen hatten. Darunter waren „Lunabrot”, „Endorphina“, die Brezeln backen, und „Knippenbergs“ Käse.

Ich war von Anfang an überzeugt, dass die Markthalle Neun funktionieren wird, so wie es auch in Augsburg funktioniert. Allerdings nicht nur als reine Nachbarschaftshalle wie es ursprünglich geplant war, denn dafür ist der Anteil der Leute, die auf dem Frischemarkt einkaufen, zu gering, das ist nur 1 %. Ca. 80 % kaufen Lebensmittel im konventionellen Handel, dann kommen die Biosupermärkte und inhabergeführten Supermärkte, und zuletzt kommt der Biofachhandel.

Und dann stellte sich natürlich die Frage, wie die Markthalle genau ausschauen sollte. Wir hatten ja mit der Anwohnerinitiative damals einen sehr langen Bewerbungsprozess durchlaufen, und es gab verschiedene Vorstellungen, die viel mit Nostalgie zu tun hatten, oder mit Märkten wie in Südeuropa.

Wenn ich die Markthalle Neun jetzt mit Augsburg vergleiche, dann ist es ein anderer Markt: sowohl geografisch als auch biografisch ist die Herkunft der Leute hier viel bunter. Es gibt viele Quereinsteiger, niemand ist dabei, der oder die den Betrieb der Eltern in 4. Generation übernommen hat. Die meisten Leute haben vorher andere Dinge gemacht.

Welche Rolle kann die Markthalle Neun im Rahmen einer „Gesunden Stadt” spielen?

Wenn wir von Gesundheit sprechen haben natürlich Lebensmittel und der Umgang damit einen starken Einfluss. Und da wir ja in einer Zeit leben, in der sich die Menschen maximal mit sich selbst beschäftigen, ist es für mich ein naheliegender Schritt, dass man über seine Ernährung nachdenkt und sagt: lieber frisch gekocht, ein bisschen weniger Fleisch und so weiter. Angesichts der Tatsache, dass sich unsere Städte immer mehr ähneln, dass die Innenstädte überall von den gleichen Ladenketten geprägt sind, und die Identität verloren geht, tragen die Stadtmärkte mit ihren regionalen Produkten auch wieder zur Stärkung einer lokalen Identität bei, was wiederum die psychische Gesundheit stärkt.

Es ist natürlich nicht nur eine Frage der individuellen Ernährungsgewohnheiten und Gesundheit, sondern auch der Volksgesundheit. Die industrielle Landwirtschaft bringt viele Probleme mit sich, die hohe Nitratbelastung durch Überdüngung im Grundwasser, und die Ernährung mit stark prozessierten Lebensmitteln führt zu Krankheiten wie beispielsweise Übergewicht und Diabetes.

Für das Gemeinwohl sehe ich es als wichtig, eine gesunde Ernährungsweise voranzutreiben, was wir mit der Markthalle Neun ja auch versuchen. Wir wollen Teil der Ernährungswende sein und mit dieser auch die Agrarwende mit anzustoßen. Wenn ich mir die Fakten angucke, hat Berlin die Chance, ein echtes Vorbild zu sein. Berlin ist der größte Biomarkt Europas, das heißt es gibt eine sehr hohe Nachfrage nach Biolebensmitteln.

Wie ist denn Eure Zukunftsvision von der Markthalle neun?

Meine Vision ist eine Ernährungswende in Verbindung mit einer nachhaltigen Landwirtschaft. Nachhaltig bedeutet für mich ökologisch, ökonomisch und sozial. Ob jetzt die ökologische Landwirtschaft das ist, was wir heute als Biolandwirtschaft verstehen, oder ob eine ökologische Landwirtschaft auch anders aussehen kann, das ist noch offen, aber die lokalen Strukturen, Produzenten und Bauern und kürzere Transportwege zu unterstützen und ein nachhaltige Landwirtschaft zu schaffen, die Brandenburg und Berlin ernährt, das fände ich super!

Im Moment ist ja das Problem, dass die Lebensmittelpreise sehr niedrig sind und die Menschen diese Preise auch niedrig halten wollen. Die niedrigen Preise sind jedoch eine Illusion, denn es entstehen an anderer Stelle Kosten, beispielsweise durch die Verunreinigung der Böden, etc., die durch die Preise nicht abgedeckt sind. Und in Brandenburg gilt auch die Mindestlohnregelung, die Arbeiter müssen sozialversichert sein, das erhöht die Kosten der Lebensmittel ebenfalls gegenüber Importen. Trotzdem hoffe ich, dass wir zu dieser Wende beitragen können.

Wer sind denn eigentlich die Kunden der Markthalle Neun?

Im Rahmen einer Bachelorarbeit ergab sich, dass der Großteil der Besucher Berliner sind, davon knapp 60 % Anwohner. Der restliche Anteil sind Touristen aus dem In- und Ausland.

Wir sind hier in einem sozial schwachen Bezirk und es gibt Vorwürfe aus der Nachbarschaft, dass wir hier eine Markthalle betreiben, die sich an Besserverdienende und Touristen richtet. Defacto ist es aber so, dass sich hier immer mehr Besserverdiener ansiedeln und das Angebot schätzen, außerdem gibt es bei uns auch Lebensmittel für den kleinen Geldbeutel. Unsere Besucher sind entgegen vieler Meinungen extrem heterogen.

Ein Bewusstsein für den Wert nachhaltig hergestellter Produkte zu schaffen, ist dafür sicherlich essentiell und wie ich aus eurer Website gelesen habe, versucht ihr genau das mit Bildungsworkshops für Kinder und Jugendliche zu erreichen. Kannst du dazu etwas mehr erzählen?

Wir haben bis jetzt Kinderkoch-Workshops, Führungen und Programme zu Ernährungserziehung. Das Angebot hängt stark von den Ressourcen ab, die uns zur Verfügung stehen. Momentan erhalten wir Unterstützung von der Sparkassenstiftung für das Programm Kinderkochen.

Am Ende geht es darum, den Menschen wieder die Wertschätzung von Nahrungsmitteln zu vermitteln. Wenn man sich die Märkte im Lebensmittelhandel heute anguckt, liegt der Fokus bei Convenient- und Functional-Food-Lebensmitteln, angereichert mit allerhand zusätzlichen Inhaltsstoffen. Deswegen muss man ein neues Bewusstsein schaffen, und am besten fängt man damit direkt bei den Kindern an.

Gibt es für die Auswahl des Angebots bzw. der Händler der Markthalle Neun bestimmte Kriterien bzw. Standards?

Ja, wir haben bestimmte Qualitätsstandards, zum Beispiel hinsichtlich der Tierhaltungsformen. Wir haben intern bestimmte Kriterien, die wir den Händlern auch in schriftlicher Form kommunizieren und fragen, ob sie sich darin wiederfinden. Wir wollen allerdings nicht die volle Verantwortung für die Einhaltung dieser Standards übernehmen, da wir nicht die Rolle einer Kontrollinstanz haben möchten. Uns ist daher das Vertrauen zu den Händlern sehr wichtig.

Seid ihr auch international vernetzt?

Wir sind eines der Gründungsmitglieder der „Magnificent 7“, einem Zusammenschluss von sieben international berühmten Markthallen, initiiert vom Borough Market in London. Weitere Mitglieder sind der Market de la Boqueria in Barcelona, Pike Place Market in Seattle, der Sydney Fish Market, die Zentrale Markthalle in Budapest und der Queen Victoria Market in Melbourne. In diesem Netzwerk versuchen wir einen Austausch herzustellen und zu pflegen. Barcelona hat beispielsweise 42 Markthallen, denn die Stadt ist so gestaltet worden, dass jedes Viertel eine Schule, ein Krankenhaus und eine Markthalle besitzt. Diese urbanen Strukturen sind bis heute erhalten. Die Boqueria existiert somit in einer ganz anderen Struktur als die Markthalle Neun. Der Borough Market ist hingegen eine Stiftung, die es bereits seit tausend Jahren gibt, und stellt somit wieder ein anderes Modell dar.

Links
markthalleneun.de
stadtlandfood.com

Florian Niedermeier spricht auf dem Festival Stadt Land Food, das alle zwei Jahre in der Markthalle stattfindet. © Markthalle Neun
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