Interview: FAN Popo – Queer City

Published July 2017
Location Berlin-Beijing
Fan Popo

FAN Popo und Silvan Hagenbrock lernten sich 2017 auf dem Chai. China-Filmfest in Leipzig kennen und diskutieren über Queer Spaces in China.

FAN Popo, womit beschäftigen Sie sich gerade?

Ich mache gerade einen Kurzfilm über „transgender“ vor dem Hintergrund des sich rasant verändernden Pekings. Außerdem schreibe ich ein Drehbuch über Erlebnisse von schwulen chinesischen Künstlern in Berlin.

Was bedeutet „queer city“ für Sie?

Eine „queer city“ ist ein Raum, in dem sich Homosexuelle sicher fühlen, wo es viele feste Orte gibt, an denen sie bestärkt werden, und wo Minderheitengruppen aller Art, sei es von anderer Rasse, Hautfarbe, Nationalität oder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen auf Toleranz und Entgegenkommen treffen. Auch ist sie voll von rebellischem Geist und unterwirft sich nicht dem Mainstream. Aber das sind eigentlich Merkmale, die jede normale Stadt haben sollte. Außerdem sollte eine „queer city“ wie alle anderen Städte voller Räume zum Diskutieren und Entdecken sein sowie meiner Meinung nach auch Nachhaltigkeit initiieren.

Bitte beschreiben Sie, wie sich Peking oder Shanghai als “queer cities” darstellen, zum Beispiel in Hinblick auf Geschlechteridentität im öffentlichen Raum, Akzeptanz, Geschichte…

Meiner Meinung nach sind beide Städte leider vom Ideal einer “queer city” sehr weit entfernt. Zuerst muss man feststellen, dass der rechtliche Schutz von Homosexuellen in ganz China bei weitem nicht ausreichend und die Redefreiheit in Bezug auf Gender-Fragen stark eingeschränkt ist, so dass die Allgemeinheit dazu sehr schlecht informiert ist. Vor allem in Peking gibt es bei weitem nicht genug sichere Orte für Homosexuelle, dieser gesellschaftlichen Gruppe mangelt es an einer Basis, und der Stadt an Offenheit und Kreativität.

LGBTQ+ haben eine ambivalente Beziehung zu öffentlichen Räumen, weil diese eng mit heterosexuellen kulturellen Normen verknüpft sind. Würde eine „queer city“ zu einem besseren baulichen Umfeld führen, oder zu mehr sozio-räumlicher Offenheit? Haben Sie Beispiele?

Ich finde, die beiden Aspekte bedingen sich, aber mir scheint, der zweite Aspekt ist offensichtlicher. Ein gutes Beispiel für die Förderung der Offenheit einer Stadt durch „queer spaces“ ist das New Yorker East und West Village. Nach dem Homosexuelle dort einzogen, entwickelten sich Kunst und Kultur an diesen Orten und es entstand eine vielfältige Subkultur. Schade ist nur, dass, nachdem die „queer“-Kultur zum Mainstream wurde, die Preise stiegen, und es, was die Einkommensschichten angeht, wieder sehr homogen wurde.

Außerdem möchte ich das 2008 gegründete Beijing LGBT Center nennen. Es ist in knapp zehn Jahren sowohl zu einem Ort kultureller Aktivitäten für Homosexuelle geworden als auch zu einem Treffpunkt, wo man Freunde und Gleichgesinnte findet.  Außerdem bringt es Aktivitäten auf die Straße und auf den Campus und erweiterte damit enorm seinen Radius.

Kennen Sie öffentliche Orte, wo die Gemeinschaft sich Räume für LGBTQ+ aneignet oder sie schafft?

In Peking treffen sich Schwule in Parks und suchen dort nach Partnern. Außerdem in öffentlichen Bädern, seit diese für die Allgemeinheit an Bedeutung verloren haben. Das ist in vielen Städten Chinas so.

Ist es möglich, dass LGBTQ+ in öffentlichen Räumen Gender-Fragen in der Gesellschaft formen oder beeinflussen?

Ich finde, in China ist so ein Einfluss im Moment noch sehr klein. Vor allem an den sogenannten „öffentlichen“ Orten ist der Freiraum für Homosexuelle noch sehr eingeschränkt. Und wegen der schon erwähnten Medienkontrolle, ist das Wissen um LGBT-Fragen sehr eingeschränkt. Aber auch sehr langsame Veränderungen werden irgendwann einen Einfluss ausüben, und das Internet übt darüber hinaus auch einen Einfluss aus.

Wie sieht eine urbane LGBTQ+ Zukunft aus?

Meine ideale Vorstellung ist, dass sich die Geschlechteridentitäten irgendwann auflösen. Bis dahin sind aber wahrscheinlich auch die Grenzen zwischen Stadt und Land bereits verschwunden.

Wie können Ihre Filme zum gesellschaftlichen Wandel beitragen?

Filme sind zu allererst ein Medium der Kommunikation für verschiedene gesellschaftliche Gruppen. Danach halten Filme aber auch den Wandel der Zeiten fest, und werden damit die Menschen in der Zukunft beeinflussen.

Wenn Sie einen Projektvorschlag im Rahmen der Deutsch-Chinesischen Urbanisierungspartnerschaft einreichen könnten: Was wäre das?

Eine Ausstellung von LGBT-Kunst an beiden Orten. Die Ausstellung chinesischer LGBT-Kunst in Schweden mit dem Titel „Secret Love“ hat dort sehr große Resonanz erzeugt und wurde in der Folge noch mehrmals ausgestellt. Das zeigt auch, dass das westliche Publikum sich für das Thema interessiert.

FAN Popo ist ein Filmemacher und LGBTQ-Aktivist und lebt und arbeitet zurzeit in Berlin. Er war Grenzgänger-Stipendiat der Robert Bosch Stiftung und ist Absolvent der berühmten Beijing Film Academy und Autor des Buches „Happy Together: Complete Record of a Hundred Queer Films”, dem ersten Buch zu diesem Thema in China. Seine Filme werden häufig auf internationalen Filmfestivals im Ausland gezeigt In China sind sie im Internet oder bei halb-öffentlichen Veranstaltungen zu sehen. In seinen Filmen hat er u. a. Themen wie gleichgeschlechtliche Ehen, („New Beijing, New Marriage“), transgender („Be A Woman“), Feminismus („The VaChina Monologues“) behandelt. Seine Trilogie „Chinese Closet, Mama Rainbow, Papa Rainbow”, in der es um LGBT-Familien in China geht, hat in China starkes Interesse hervorgerufen. Nachdem der Film im Internet eine Million Mal angeschaut worden war, wurde er von den Behörden gesperrt. FAN Popo klagte dagegen und gewann, was einen Meilenstein im Kampf gegen staatliche Zensur darstellt. Außerdem ist FAN seit über zehn Jahren Organisator des „Beijing Queer Film Festivals“ und Gründer des Queer University Video Training Camps.

Kontakt
fanpopo@gmail.com
Video-Interview mit Fan Popo des Goethe-Instituts China

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