Interview: Von der Megacity hin zu neuer Stadtforschung

Published January 2017
Location Weimar
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Wie würden Sie ihre Arbeit mit chinesischen Studierenden charakterisieren?

Chinesische Studierende in unserem Masterprogramm “Advanced Urbanism” der Bauhaus-Universität Weimar sind meines Erachtens sehr stark motiviert und nutzen die Chancen, andere Möglichkeiten des Städtebaus und der Stadtplanung im Ausland zu erfahren. Im Vergleich zu anderen internationalen Studierenden sind chinesische Studierende sehr viel stärker durch ihre Heimatsituation motiviert. Es werden Fragen gestellt, die direkt verwendbar für Problemlagen in chinesischen Städten sind. Wenn es darum geht neue Mobilitätskonzepte zu entwickeln, dann suchen sie ganz gezielt Beispiele, die sie mit nach China nehmen können. Chinesische Studierende sind nach zwei Jahren stärker an Aspekten interessiert, die nicht direkt pragmatisch für Problemlösungen wichtig sind. Und umgekehrt tut es manchen deutschen Studierenden gut, aus dem Wolkenkuckucksheim auszutreten und sich ganz konkret zu bemühen mit detaillierten Problemlösungen zu beschäftigen.

Welche Arbeit hat Ihnen besonders gefallen, die Sie betreut haben?

Mir persönlich gefallen Arbeiten sehr gut, die kooperativ sind und versuchen, deutsche und chinesische Beispiele zu vergleichen. Da fällt mir eine Arbeit ein, die ich betreut habe in der es um das Verhalten von Menschen in den Parks ging. Der Student hat die ParknutzerInnen in Berlin und Shanghai gebeten mit Einwegkameras ihre persönlichen schönen und wichtigen Orte zu fotografieren. Dem Student viel schnell auf, dass das Tanzen von älteren Menschen oder die Gymnastik in deutschen Parks weniger ausgeprägt ist als in China. Das zeigt, dass in China eine Art Generationswechsel so noch nicht stattgefunden hat. Hier wird der Park von allen Generationen genutzt. In China ist dies noch etwas verhaftet, als Beispiel einer traditionellen chinesischen Kultur, die den Weg in die Moderne so noch nicht gefunden hat.

Welche Fragestellungen/thematische Auseinandersetzungen empfehlen Sie ihren Studierenden zu China bzw. chinesischen Studierenden zu Deutschland?

Auffällig ist, dass chinesische Studierende sehr stark von den Dingen motiviert werden, die sie für innovativ halten was Deutschland betrifft. Das sind durchaus immer noch Themen wie sozialer Wohnungsbau und die Nutzung von altindustriellen Gebieten, was einem im Ruhrgebiet oder in ostdeutschen Städten begegnet. Das Thema der Konversion an dem China nun anfängt zu arbeiten ist dort noch relativ neu. Außerdem sind Themen die mit Umweltschutz und sozialer Nachhaltigkeit zu tun haben von Relevanz. Es gibt in China beispielsweise das “Green City Concept”, das ganz anders aufgebaut ist, als unser Ansatz zu der nachhaltigen Stadtentwicklung. Eine wichtige Frage ist zum Beispiel: Lassen sich die beiden Konzepte vereinbaren? Außerdem würde ich den Studierenden das Thema der Migration und des Hukou Systems empfehlen.

Wenn Sie einen Projektvorschlag im Rahmen der Deutsch-Chinesischen Urbanisierungspartnerschaft einreichen könnten: Was wäre das?

Wir haben bei studentischen Arbeiten öfter mal die Schwierigkeit, dass chinesische Studierende eigenständige, empirische Arbeit machen wollen, die aber nur mit einem weitaus größerem Aufwand durchgeführt werden kann. Das liegt nicht nur an der Sprache, sondern tatsächlich auch daran, dass es so etwas wie eine Tradition des Befragt Werdens und des Interviewens durch ForscherInnen in China nicht gibt. Wenn man sich nun ein Forschungsprojekt wünscht, dann würde ich mir eins wünschen, in dem dies stärker möglich wäre. Das Thema “Megacity” wird in unserem Handbuch (Stadtforschung: Gegenstand und Methoden) zwar angesprochen, aber eher mit einem kritischen Duktus. Wir denken, dass der Megacity-Diskurs kurzum eine Figur von homogener urbaner Entwicklung suggeriert, die es de facto in China aber nicht gibt und auch nicht in anderen sogenannten “Megacities”. Die Denkfigur der “Megacity” verhindert meines Erachtens sehr stark, dass wir erkennen können, dass die Diversität chinesischer Städte groß ist und dass es ganz unterschiedliche Lebenssituationen und Planungsherausforderungen gibt, je nachdem mit welcher chinesischen Stadt man sich beschäftigt. Somit wäre ein Handbuch zur Stadtforschung China noch zu schreiben und eine große Herausforderung für Sie.

 

Frank Eckardt leitet die Professur für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar.

Kontakt:
frank.eckardt@uni-weimar.de

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