Interview: Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher – Die Zukunft der Stadt ist die Region

Published January 2017
Location Dortmund
Das Ruhrgebiet. Grafik: WU Yimeng

Wir möchten zunächst mit einer Frage zu Ihrer eigenen praktischen China-Erfahrung einsteigen. Sie haben 2006 das “Nanhu Project” in Guangzhou im Auftrag von Vanke realisiert. Wie kam es dazu, dass Sie in China gearbeitet haben?

Wir haben uns nie aktiv bemüht, in China zu planen und zu bauen. Als wir dann von den chinesischen Partnern gefragt worden sind, an einem Wettbewerb in Guangzhou teilzunehmen, haben wir uns sehr gefreut und uns intensiv mit dem Ort und der Aufgabe auseinandergesetzt. Den Wettbewerb haben wir dann – zu unserer großen Überraschung – gewonnen und realisieren können. Vanke ist damals aus unserer Sicht einer der besten Partner gewesen, um ein Projekt mit einem hohen Anspruch an Qualität und Detail umsetzen zu können. Was von Beginn an eine große Herausforderung gewesen ist, war die Geschwindigkeit, mit der wir planen mussten, ein kritisches Hinterfragen von konzeptionellen Vorschlägen war nur bedingt möglich.

Welche Einsichten haben Sie aus dieser China-Erfahrung mitgenommen? Und gibt es eine Fragestellung für den deutsch-chinesischen Dialog, die Sie – aus dieser Erfahrung abgeleitet – am meisten interessiert?

Die besondere Erfahrung war, dass wir gesehen haben, wie wichtig bereits die Auseinandersetzung mit dem Ort ist. Beim “Nanhu Project” haben wir über den Tellerrand hinaus gedacht und städtebauliche Verbindungen skizziert, die auch einen Mehrwert für die Nachbarschaft darstellen. In einem ortsspezifischen und lokal verankerten Städtebau liegt eine große Chance für die chinesische Stadtentwicklung, die unbedingt weiterzuentwickeln ist, sowohl in der Praxis als auch in der Lehre. Hinzu kommt eine persönliche Erfahrung, die mir noch heute präsent ist: Die Motivation und Begeisterung der jungen Architekten und Architektinnen in dem chinesischen Partnerbüro hat mir sehr imponiert.

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede verbinden aus urbanistischer Sicht das Ruhrgebiet mit China?

Das Ruhrgebiet ist eine industriell geprägte Agglomeration, die sich heute der großen Herausforderung stellen muss, wie der Strukturwandel bewältigt und die Lebensqualität auf der Quartiersebene und auf der regionalen Ebene gestärkt werden kann. Gemeinsamkeiten bestehen in der Notwendigkeit, ehemals industriell geprägte Flächen und Gewässer umzubauen. Ein Beispiel hier für ist der Umbau des Abwasserkanals Emscher zu einem Fluss, der als Referenz für die “Haihe Riverside Region” in der Metropolregion Tianjin dient. Unterschiede bestehen vor allem in der räumlichen Struktur. Während die polyzentrische Raumstruktur im Ruhrgebiet mit ihren insgesamt 5,1 Mio. Einwohnern und Einwohnerinnen kein wirkliches Zentrum hat, haben die chinesischen Städte mit einer vielfachen Einwohnerzahl und einer wesentlich höheren Verdichtung eine völlig andere Beziehung zwischen Zentrum und Umland.

Sie erwähnen immer wieder auch die Bedeutung von (kultureller) Identität von Stadt. Das ist ein Aspekt, der uns im STADTMACHER-Programm auch besonders beschäftigt. Wenn Sie chinesische kommunale Entscheidungsträger beraten sollten, was würden Sie denen empfehlen, um diesem Gesichtspunkt Rechnung zu tragen?

Die Qualität eines Quartiers, einer Stadt oder auch einer Region wird wesentlich dadurch beeinflusst, dass ein intelligentes Zusammenwirken von Planungsinstrumenten und -verfahren angewendet wird: informelle und formelle Verfahren, Top-down- und Bottom-up-Prozesse. Meine Empfehlung an die chinesischen Partner wäre, sich mit der Gestaltung von integrierten Planungsprozessen auseinanderzusetzen und dabei die Kultur als einen wichtigen weichen Standortfaktor in die Stadtentwicklung zu integrieren.

Sie lehren “Städtebau + Bauleitplanung” an der Technischen Universität Dortmund. Welche Fragestellungen empfehlen Sie Ihren Studierenden zu China bzw. chinesischen Studierenden zu Deutschland? Und haben Sie an der Uni aktuelle Kooperationen mit chinesischen Unis?

Eine formelle Kooperation mit einer chinesischen Partneruniversität haben wir bisher nicht. Ich habe jedoch mehrere Promotionsthemen von chinesischen Promovierende betreut, was auf das große Interesse der chinesischen Forschenden am Strukturwandel und an den Transforma- tionsprozessen im Ruhrgebiet zurückzuführen ist. Unser Buch “Schichten einer Region. Kartenstücke zur räumlichen Struktur des Ruhrgebiets” ist im vergangenen Jahr ins Chinesische übersetzt worden und hat in China eine breite Aufmerksamkeit erfahren. Auch mein Lehrbuch “Städtebauliches Entwerfen” wird gerade von der Tongji-Universität Shanghai übersetzt. Dieses bestätigt die Notwendigkeit, Städtebau vertieft in der Kooperation mit chinesischen Universitäten zu lehren und den Fokus in der Planungspraxis auf die Qualität des städtebaulichen Kontextes zu richten.

 

Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher ist seit 2002 Professorin und Leiterin des Fachgebietes Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung an der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund. Nach dem Studium der Architektur an der RWTH Aachen und ETH Zürich arbeitete sie in international tätigen Planungsbüros und gründete das Büro RHA reicher haase architekten + stadtplaner in Aachen. Seit 2010 ist sie Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und seit 2014 Sprecherin des Fortschrittskollegs “Energieeffizienz im Quartier”. Sie ist Gründerin der Fachgruppe “Städtebauliche Denkmalpflege” an der TU Dortmund.

Kontakt und Link:
christa.reicher@tu-dortmund.de
www.raumplanung.tu-dortmund.de/stb

Design: WU Yimeng
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