Interview: “Von Grau zu Grün” mit Sebastian Schlecht

Published November 2018

Sebastian Schlecht ist Architekt mit städtebaulichem Schwerpunkt und seit 2010 bei der Stadt Essen tätig. Bis 2015 als Projektleiter im Bereich Immobilien, hat er mit dem Titelgewinn „Grüne Hauptstadt Europas“ das Projektmanagement der „Grünen Hauptstadt Europas- Essen 2017“ im Geschäftsbereich Umwelt Bauen und Sport übernommen. Zurzeit arbeitet er an der strategischen Weiterführung der Grünen Hauptstadt. Eine Organisationseinheit, die im Sinn der Klimaschutzziele und der Ziele der Bewerbung der Stadt Essen 12 Indikatoren weiterverfolgt und Erfolgsorientiert weiterentwickelt. Über seine Tätigkeit bei der Stadt Essen hinaus hat Sebastian Schlecht vielfältige Erfahrung in im Gebiet des nachhaltigen Bauens sowie im Bereich Partizipation, Baukulturelle Bildung und kinder- und jugendgerechter Stadtentwicklung. Er ist seit 12 Jahren (acht Jahre im Vorstand) in dem Verein JAS e.V. (Jugend-Architektur-Stadt) engagiert und hat hier zahlreiche Vorträge gehalten und Projekte konzipiert & realisiert. Anfang November 2018 begleitete er uns mit einem STADTMACHER-Stipendium nach Peking, um an der NAX-Learning Journey teilzunehmen.

Was hat dich auf deiner „Learning Journey” durch China besonders inspiriert?

Besonders beeindruckt hat mich die große Bandbreite und hohe Qualität der Projekte in China. Sensible und kleinteilige architektonische Lösungen und großräumige Stadtplanungen, die in Deutschland eine ganze Stadt ergeben würden, stehen in China nebeneinander und schließen sich nicht aus. Auch die Dynamik der Projekte ergibt viel schneller Ergebnisse, von denen man lernen kann.

Du arbeitest für die Stadt Essen und warst unter anderem Projektmanager von „Grüne Hauptstadt Europas – Essen 2017“. „Lebe Dein grünes Wunder“ war der Slogan der Kampagne. Kannst Du zwei Beispiele mit uns teilen, die „Grüne Wunder Projekte“ näher erläutern?

Unter dem Motto „Willst du mit mir gehen“ haben wir in allen Stadtteilen Essens Spaziergänge von Senioren angeboten. Es bot sich eine Gelegenheit, Menschen kennenzulernen und dabei die grünen Orte in der Nachbarschaft neu zu entdecken. Mit dem Projekt „Essens Aussichten” haben wir 30 Aussichtspunkte in Essen markiert, hergerichtet und mit Poetry Slammern bespielt. Unsere Kampagne der Gemeinschaftsgärten konnte in einem Jahr zehn neue Gemeinschaftsgärten entstehen lassen. Mit diesen Projekten wollten wir die Menschen erreichen und niedrigschwellig die Themen der Grünen Hauptstadt vermitteln.

Das andere Ende der Skala bildet sicherlich die MS Innogy, ein mit einer Methanol-Brennstoffzelle betriebenes Fahrgastschiff, das wir mit der Firma Innogy als technische Innovation umsetzen konnten. Das Schiff fährt heute emissionsfrei auf dem Baldeneysee im Regelbetrieb. Mit vielen Aktionen haben wir auch Fragen der Mobilität angesprochen. Unsere Freiwilligen haben zum Beispiel morgens an Radfahrer Geschenke verteilt und die Initiative „Essener Lastenrad“ konnte ihr kostenloses Verleihsystem auf das Stadtgebiet erweitern. Mit Nissan als Partner konnten wir auch die Elektromobilität in den Fokus rücken und inzwischen einen Teil der kommunalen Fahrzeuge auf Elektroantriebe umstellen. Diese Vielfalt ist eigentlich das, was das Jahr 2017 ausgemacht hat, und natürlich die vielen Menschen, die uns dabei unterstützt haben.

„Von Grau zu Grün” beschreibt die Transformation des Ruhrgebiets, die auch für Chinas Städte relevant ist. Im Rahmen des Urban Transition Alliance Workshops – organisiert von ICLEI – hast Du diesen Ansatz vorgestellt. Was für Rückmeldungen kamen von den chinesischen Teilnehmern?

Grüne Infrastruktur ist immer wieder ein wichtiges Schlüsselthema. Für den Umbau alter Industrieareale notwendige technische Lösungen im Bereich Schadstoff- und Bodenmanagement und der Umgang mit Regen- und Abwasser haben mit den dadurch entstandenen Grünanlagen, Radwegen und Wasserflächen großartige Qualitäten in die Stadt gebracht. Wir konnten damit in der Folge neue Wohngebiete in ehemals unattraktiven Lagen entwickeln, die nun für Investoren interessant sind. Wichtige Bausteine haben sich so für die Entwicklung – gerade des Essener Nordens – ergeben. Auch um die Risiken aus den Folgen des Klimawandels abzumildern, sind diese Konzepte grundlegend wichtig. Es gibt also eine soziale, eine ökologische und eine ökonomische Verbesserung durch gutes integriertes Design. Gerade durch die freigewordenen Industrieflächen ist in Essen diese Entwicklung möglich geworden. Die Potentiale zu erkennen und zu entwickeln hat in Essen viele Jahre gedauert. Die Erfahrungen lassen sich aber auch auf deutlich schnellere Prozesse übertragen. Hier gab es viele Anknüpfungspunkte zu den im Workshop besprochenen Projekten. Die Dimensionen der chinesischen Projekte sind um ein vielfaches größer, die Umsetzung ist deutlich zügiger, dadurch ergibt sich aber auch ein interessanter Austausch über neue Perspektiven und Lösungsansätze.

Du warst von 2008 bis 2015 stellvertretender Vorsitzender von JAS – Jugend Architektur Stadt e.V., einem gemeinnützigen Verein zur Förderung der baukulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen. Wie steht es aktuell um die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an Stadtentwicklungsprozessen?

Kinder und Jugendliche sind diejenigen, die den öffentlichen Raum am intensivsten nutzen, und damit eine besondere Sicht auf ihre Umgebung aber auch eine Expertise haben. Mit dem Bundesministerium für Bauen haben wir vor einigen Jahren das Jugendforum Stadtentwicklung ins Leben gerufen. Hier treffen sich besonders engagierte Jugendliche regelmäßig und diskutieren themenbezogen ihre Anforderungen an die Städte. Die Ergebnisse werden dann von den Jugendlichen im Ministerium präsentiert und mit dem Staatssekretär und den Referatsleitern diskutiert. Hier ist eine funktionierende Schnittstelle entstanden, die das Wissen der Jugendlichen aus ihren Projekten vor Ort vernetzt und daraus einen Input in die Stadtentwicklungspolitik auf der Ebene des Bundes liefert. Das Schöne an diesem Projekt ist, dass sich die Teilnehmer kontinuierlich ändern, das Format jedoch inzwischen seit sieben Jahren Bestand hat, auch über zwei Regierungswechsel hinweg. Darüber hinaus machen wir im Jahr ca. 40 kleinere und größere Projekte mit Kindergärten, Schulen, Streetworkern vor Ort oder auch Rahmen von Planungsprozessen.

 

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