5th Year Anniversary Special: Im Austausch mit Shi Ming

Author Shi Ming / Katja Hellkötter
Published September 2020
Location Berlin

Sozial-ökologische Stadtplanung sollte das zentrale Thema eines intensiveren Austausch sein.

Seit Beginn des STADTMACHER-China Europa Programms trifft sich Katja Hellkötter regelmäßig mit Shi Ming zum Austausch im Restaurant Peking in Berlin:

Lass uns zu Beginn einen Blick auf die aktuelle Herausforderung in China im Kontext unseres Urbanisierungsthemas werfen: Wie hat die Corona-Pandemie die Politik der Urbanisierung in China beeinflusst?

Einige Schwächen der Urbanisierung in China wurden durch die Pandemie sichtbar, etwa die Hierarchisierung der Städte nach „tier“, also 1. tier, 2. tier, 3. tier usw. Die negativen Einflüsse stammen zum einen daher, dass Ressourcen, z.B. medizinische, je nach politischer und ökonomischer „Wichtigkeit“ zwischen den „tiers“ ungleich verteilt sind. Der Corona-Virus jedoch kennt keine Grenzen. Und die ökonomische Verflechtung zwischen den Städten erst recht nicht. Wanderarbeiter aus einer 4. tier-Stadt kommen in eine 2. tier-Metropole, um zu arbeiten. Angehörige der Mittelschicht reisen aus einer 1. tier-Stadt in eine 3. tier-Stadt, um Urlaub zu machen, etc. Wanderarbeiter und Mittelschichtler können gleichermaßen vom Virus erwischt werden. Diese Gefahren zeigten sich deutlich in der Metropole Wuhan: Von den 11 Millionen registrierten Einwohnern reisten vor dem Lockdown am 21. Januar 2020 bereits 5 Millionen zu unterschiedlichsten Zwecken woanders hin.

Normalerweise begleitest du jedes Jahr Bürgermeisterdelegationen aus China in Deutschland und hast so das „Ohr“ an den aktuellen Entwicklungen. Was hörst oder liest Du von Ihnen?

Der dringendste Handlungsbedarf tritt immer klarer zutage: Man muss die Urbanisierung enger in soziale und ökologische Kontexte einbinden. Der Slogan „Zuerst urbane Räume ökonomisch entwickeln, dann schauen wir weiter“ hat ausgedient. Du kannst Wanderarbeiter oder Dienstmädchen aus den Großstädten hinaus schicken, aber du kannst ohne die so genannte „low-end-population“ weder die wohlhabenden Mittelschichtler mit allen Dienstleistungen versorgen, noch ist daran zu denken, Fachpersonal von High-Tech-Industrien wasserdicht von jedweder Gefährdung durch sichtbare und unsichtbare Risiken zu schützen. Wenn einmal so etwas wie diese Covid-19-Pandemie ausbricht, bleibt kein urbaner Raum verschont. Im Gegenteil: Wie sich weltweit zeigt, ist der urbane Raum in der Regel viel schwerer betroffen als dünn besiedelte ländliche Regionen. Die logische Konsequenz müsste lauten, dass Chinas Städte von jetzt ab eine sozialere und ökologisch belastbare Entwicklung einleiten.

Was leitest Du aus dem Handlungsbedarf für die sino-deutsche Kooperation ab?

Als erstes wäre vorzuschlagen, die sozial-ökologische Stadtplanung zum Thema für einen intensiveren und offeneren Austausch zu machen. Jedoch sehe ich beide Seiten davon leider noch weit entfernt.

Was steht dem im Wege?

Die Notwendigkeit zum Umdenken ist allen bekannt, jedoch fällt es offensichtlich beiden Seiten schwer, ein konsequentes Umsetzen zu verlangen: Die Städte sind für Menschen da, nicht umgekehrt. Für alle Menschen, nicht nur für wenige. Das wäre das Umdenken, das sowohl in Deutschland wie auch in China politischen Deklarationen zu entnehmen ist. Dennoch: In China herrscht immer noch das Prinzip „Wirtschaft zuerst“, konkret gesagt, „das Geldmachen“ zuerst. In einer abgeschwächten Form ist dies aber auch in Deutschland vorhanden. Sobald eine Initiative aus der Gesellschaft kommt, Städte wie etwa Berlin oder Beijing für die meisten Menschen zum Leben angenehmer umzugestalten, kommen meistens zweierlei Fragen: Was bringt die Umgestaltung an Profit? Und was kostet uns (Kapitalgebern, Regierungen, etc.) das? Gewiss ist ein wirtschaftliches Denken nicht verkehrt. Verkehrt ist allerdings, das wirtschaftliche Denken als Ultima Ratio zu nehmen und alles andere unterzuordnen. Konkret: E-Mobilität ist eine gute Sache. Aber die allzu große Baudichte in Beijing (als Beispiel für viele chinesische Großstädte) verhindert schon jetzt den Versuch, genügend Parkplätze mit Lademöglichkeiten zu realisieren. Dies führt dazu, dass E-Mobilität als eine die Umwelt schützende Maßnahme am Ende wieder zu einem Luxus für nur wenige Zahlungskräftige gerät. Und der alle Straßen fast zu jeder Zeit blockierenden Stau bleibt unverändert.

Wir hatten zum Start des Programms vor 5 Jahren den Fokus auf „lebenswerte Stadt und soziale Innovationen” gesetzt, weil wir dieses Thema als eine „Lücke“ in der deutsch-chinesischen Kooperation zu Stadtentwicklung identifiziert hatten. Wir waren uns natürlich bewusst, dass soziale Innovationen in China anderen Grundvoraussetzungen unterliegen. Würdest Du mit uns noch einmal zu diesem Konzept der „Sozialen Innovationen“ reflektieren: Ist der Begriff shehui chuangxin derzeit überhaupt „salonfähig“ in China? Wie wird er interpretiert?

Die größte Hürde für soziale Innovation ist aus meiner Sicht eine ehrlich gemeinte und konsequent umgesetzte Bürgerbeteiligung. Ohne sie bezieht sich jede „Innovation“ im Kern darauf, dass die einen, nämlich die Elite, sich Innovationen ausdenken, um sie den anderen, nämlich der Bevölkerung, aufzuoktroyieren. Smart-City mag smart sein, jedoch wird sie ohne Bürgerbeteiligung unausweichlich zum Skandal, bei dem die Bürger wieder einmal zur Zielscheibe eines wie auch immer gearteten „Smart-Beherrscht-Sein“ werden. Wenn nach Ermessen der smart Regierenden, um ein Beispiel zu nennen, es sich als angebracht erweist, Tests auf eine Corona-Infektion zuerst in 1. tier und 2. tier Städten durchzuführen sind die Bewohner der 3. und 4. tier Städte Opfer dieser Entscheidung. Widerstand ist zu erwarten.

Wenn der Mensch im Mittelpunkt steht, sollte nicht Technologie generell nur in den Dienst der gesellschaftlichen Innovationen gestellt werden?

Das ist eine sowohl wichtige wie auch spannende Frage. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Wer ist damit gemeint? Während der Covid-19 Pandemie sehen wir, dass alle Flughäfen um die Hauptstadt Beijing für eine recht lange Zeit nicht angeflogen werden, um das politische Zentrum mitsamt den „politisch relevanten“ Mitgliedern der Gesellschaft deutlich besser zu schützen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Flughäfen in einem Radius von 120 bis 450 Kilometer Entfernung von Beijing Städte wie Tianjin, Hohhot, Taiyuan und Shijiazhuang angeflogen werden. Dort werden alle Ankommenden auf eigene Kosten in 2-wöchige Quarantäne geschickt. Unausgesprochen wird die Botschaft verbreitet: Dort stehen Menschen weniger im Mittelpunkt, egal welche „sozialen“ Innovationen unterwegs sind.

Welche Politikkonzepte werden in China gerade diskutiert?

Zurzeit werden in China unterschiedlichste, bisweilen sehr gewagte Ideen diskutiert. Etwa die: Um der Massenarbeitslosigkeit schnell Herr zu werden, ohne die klamme Staatskasse inklusive Sozialversicherungsfonds zu belasten, solle es Menschen in Großstädten erlaubt werden, private Verkaufsstände aufzumachen. Eine sehr „soziale Idee“, nicht wahr? Jedoch wurde solch eine „people centered urbanity“ nach nur wenigen Tagen Experimentieren wieder kassiert, zum einen, weil die öffentliche Hygiene angesichts der Pandemie nicht mehr zu gewährleisten war. Zum anderen verdrängten die „Verkaufsstände“ reguläre Läden, die ohnehin kurz vor dem Bankrott standen. Und drittens wurde die schwindende Kaufkraft einer breiter werdenden Schicht auch dadurch nicht stärker, dass sie jetzt, anstatt online oder in regulären Läden, an Verkaufsständen einkaufen konnten. Eine stabile, wachsende Kaufkraft breiter Schichten war doch bisher die größte Attraktivität der chinesischen Wirtschaft. Diese Attraktivität, die meist von urbanen Räumen ausgeht, gilt es mit anderen Ideen zu retten als bloß mit „Verkaufsständen“ in allen Straßen und Gassen.

Wenn du ein neues Projekt im Rahmen des STADTMACHER China-Europa Netzwerkes initiieren könntest, was wäre das?

Lass uns damit beginnen, jede gute Idee in diesem Netzwerk zuerst dahingehend zu diskutieren, wie sie dazu beitragen kann, den meisten Menschen in urbanen Räumen ein besseres Leben zu ermöglichen. Ein Ideenlabor für das, was wir alle in Sonntagsreden befürworten, damit praktische Erfahrungen mit innovativen Aufbruchsstimmungen zusammen kommen. Schrebergärten, um ein Beispiel zu nennen, sind eine gute Idee. Also lass uns zusammen überlegen, wie diese Idee in einer 4-Millionen Stadt irgendwo in Zentralchina umgesetzt werden kann, damit nicht nur 5 Prozent der Zahlungskräftigen sich das leisten können. In Deutschland war die Idee ursprünglich auch nicht für die Wohlhabenden gedacht, nicht wahr?

Ein anderes Thema von Relevanz ist das Thema „Wasser“ und als Konzept die „Sponge Cities. Jahr um Jahr quält die Regensaison immer mehr chinesische Städte, in diesem Jahr sind es bisher 120 Städte mit katastrophalen Überschwemmungen. Eindeutig ist dies einem Klimawandel zuzuschreiben, der sich negativ auf die Urbangesellschaft in China auswirkt. Sponge-City war ursprünglich eine schwedische Erfindung, die europäischen Städten in ihren Verhältnismäßigkeiten angepasst gut dienen kann (zwischen 30.000 bis 300.000 Einwohnern, meistens mit großer, unversiegelten Fläche). Wie lässt sich der Grundgedanke dieser Idee, nämlich städtische Flächen nicht allein als pure Abflussfläche umzufunktionieren, damit Regenwasser möglichst schnell abfließt, sondern diese Fläche kreativ auch zum Speichern kostbaren Wassers zu nutzen, für chinesische Stadtgrößen (zwischen 1,5 bis 15 Millionen Menschen mit bis zu 70% versiegelten Bodenfläche, z.B.) adaptieren?

About Shi Ming

Shi Ming ist freier Journalist, und lebt seit 1987 in Deutschland, seit 5 Jahren in Berlin. Er ist 1957 in Peking geboren, studierte Germanistik und Jura in Peking und arbeitete als Journalist und als Jurist. Er veröffentlicht regelmässig auf Deutsch für ARD, ZDF, Deutschlandfunk sowie für renommierte deutsche Printmedien. Auch berät er insbesondere deutsche Kommunen in Ihrer Zusammenarbeit mit China und nimmt an deutsch-chinesischen Urbanisierungsdialogen teil.

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