Report: BEIJING WATER WALKS – Le Shui Xing 乐水行

Author Dr. Eva Sternfeld/ Gerrit Manke
Published September 2020
Location Beijing
© Dr. Eva Sternfeld

Der bewusste Umgang mit dem Element Wasser ist Grundpfeiler einer lebenswerten und nachhaltigen Stadt. Zum einen erschafft die gelungene Integration von Stadtgewässern Identität und lebenswerte Orte des Zusammenkommens. Zum anderen leisten städtische Gewässer einen großen ökologischen Beitrag für besseres Stadtklima oder schaffen Resilienz gegenüber Starkregenereignissen.

Angesichts dieser umfassenden Bedeutung von Stadtgewässern für die Stadt organisieren die BEIJING WATER WALKS regelmäßige Wanderungen entlang der Gewässer und Flüsse Beijings, um über die Wassersituation der chinesischen Hauptstadt zu informieren und Bewohner für Probleme, wie die Wasserverunreinigung zu sensibilisieren.

Vor dem Hintergrund unserer CITYMAKERS Virtual Walks Projects 2020 möchten wir den 2017 für STADTMACHER verfassten BEIJING WATER WALK-Report von Dr. Eva Sternfeld noch einmal in den Fokus rücken. Auf den Report folgt ein Kurzinterview mit Dr. Eva Sternfeld, in dem wir über die aktuelle Wassersituation Beijings und den heutigen Stand der BEIJING WATER WALKS sprechen.

Dr. Eva Sternfeld: BEIJING WATER WALK Report 2017

Jeden Samstag bei Wind und Wetter – und dies seit mehr als 10 Jahren – treffen sich in Beijing Naturfreunde zu einer Wanderung entlang der Gewässer in und um die 21 Millionen Metropole. Zhang Junfeng 张俊峰, Ökologe der Beijing Agricultural University und Aktivist bei der NGO Green Earth Volunteers hat die Bewegung Le Shui Xing im März 2007 ins Leben gerufen. Seither hat er tausende von Interessierten für die Bedeutung der Wasserwege als Lebensadern der Stadt und ihre Schutzbedürftigkeit sensibilisiert.

Wasserknappheit Beijings

In der Region Beijing ist Wasser naturgemäß knapp. Zwar entspricht der langjährige durchschnittliche Niederschlag mit 500 bis 600 mm in etwa den Verhältnissen in Berlin-Brandenburg, jedoch fällt der Niederschlag monsunbedingt nicht so verlässlich wie in Deutschland. In den 2000er Jahren erlebte Beijing eine mehrere Jahre anhaltende Trockenperiode mit nur 300 bis 400 mm Niederschlag. Zugleich wuchs die Bevölkerung der Stadt um mehrere Millionen Menschen. Das pro Jahr vor Ort verfügbare pro Kopf Wasserdargebot wird inzwischen mit etwa 150 Kubikmetern berechnet, vergleichbar mit den Wasserverhältnissen in Palästina. Dies hatte dramatische Konsequenzen: Flussläufe trockneten aus, der Grundwasserspiegel fiel rasant. Und doch bekommt man davon im Zentrum der Stadt wenig mit. Beijing hängt am Tropf seiner Nachbarprovinzen, seit Beginn der 2000er Jahre hat Beijing mehrere hundert Millionen Kubikmeter aus der ebenfalls wasserarmen Nachbarprovinz Hebei bezogen und seit 2014 sprudelt auch die Versorgung mit Wasser aus der Yangzi-Region über den Süd-Nord-Kanal 南水北调.

Wanderung 2008 – Vom nördlichen 2. Ring zum Stadtrand

Guide Zhang Junfeng beim Entnehmen einer Wasserprobe © Dr. Eva Sternfeld
Kanal entlang des zweiten Rings © Dr. Eva Sternfeld
Mao Kalligraphie “江山如此多娇” – “Wie unendlich verlockend ist das Land” an einem Wassergraben entlang der ehemaligen Stadtmauer © Dr. Eva Sternfeld
Brückenrestaurant über einem Wassergraben entlang der ehemaligen Stadtmauer am nördlichen zweiten Ring © Dr. Eva Sternfeld
Gewässer am östlichen Stadtrand © Dr. Eva Sternfeld
Pause in einem Dorf am Stadtrand © Dr. Eva Sternfeld
Gewässer am Stadtrand © Dr. Eva Sternfeld
Migrantendorf am Stadtrand © Dr. Eva Sternfeld
Migrantendorf am Stadtrand © Dr. Eva Sternfeld
Migrantendorf am Stadtrand © Dr. Eva Sternfeld

Ziele und Routen der BEIJING WATER WALKS

Die Wasserprobleme der Stadt sind freilich keineswegs gelöst und wie prekär die Situation an den Stadträndern ist, kann man selbst bei einer Wanderung von Le Shui Xing in Augenschein nehmen. Die Tageswanderungen, bei denen oft 20 bis 30 km zurückgelegt werden, sind  abwechslungsreich: Mal führen sie hinaus in die Beijinger Westberge, wo sich einst die wichtigsten Quellen der Stadt befanden, von denen die meisten heute versiegt sind oder in den Norden zu den 50er Jahren erbauten Stauseen Guanting und Miyun. Oft trifft sich die Wandergruppe auch in der Stadtmitte und folgt nach Osten den Gewässern hinaus bis an den Stadtrand.  Und obwohl er schon über 500 Wanderungen geführt hat, sagt Zhang Junfeng, dass im Raum Beijing immer noch einige Gewässer gibt, die die Gruppe noch nicht abgewandert hat, da sie sich in solch gebirgigen Gebiet befinden, dass es für ungeübte Bergsteiger zu gefährlich wäre dorthin zu gehen. An Feiertagen wie z.B. während chinesischen Neujahrfestes und der Ferien während des Nationalfeiertags werden auch mehrtägige Wanderungen angeboten weiter entfernte Ziele angesteuert.  So fuhr die Gruppe im Frühjahr 2017 zum Danjiangkou-Reservoir in Hubei, das den 2014 in Betrieb genommenen Süd-Nord-Kanal, mit Wasser speist.

Sensibilisierung für die Wassersituation Beijings

Die Wanderer fotografieren den Zustand der Gewässer und nehmen von besonders verschmutzten Abschnitten Wasserproben. Ihre Berichte kann man in einem Blog auf der Website der Green Earth Volunteers nachlesen. Bei einigen Gewässern lassen sich im Lauf der Jahre auch positive Veränderungen vermelden. Die zunehmend bessere Ausstattung der Stadt mit Klärwerken und der Bezug von zusätzlichem Wasser aus Südchina ermöglichen es, dass Beijing heute fast 20 Prozent seines Wasserbudgets als sogenannten „ökologischen Bedarf“ deklariert und für die Erhaltung von Gewässern im Stadtgebiet einsetzt. Es werden große Summen investiert, um die ehemals stinkenden Abwasserkanäle oder ausgetrockneten Gewässer zu ansprechenden Naherholungsgebieten auszubauen. Mancherorts werden solche auch neu geschaffen, wie z.B. der Drachensee im Olympiapark. “Leben im Grünen und am Wasser” wird nun auch zur Marke, die die Immobilienpreise in den Neubaugebieten in die Höhe treiben.

Wanderung 2017 – Liangmahe 亮马河 bis zum 5. Ring und zurück

Treffen am U- Bahnhof Dongzhimen, um dem Lauf des Liangmahe stadtauswärts zu folgen © Dr. Eva Sternfeld
Naherholungsgebiet entlang des Flusses zwischen der 2. und 3. Ringstraße © Dr. Eva Sternfeld
Verengung des Flusses hinter dem 3. Ring © Dr. Eva Sternfeld
Einfachere und lockere Bebauung entlang des Flusses © Dr. Eva Sternfeld
Einzäunung des Flusses © Dr. Eva Sternfeld
Ausbau des Flussufers zu einem Naherholungsgebiet zwischen der 4. und 5. Ringstraße © Dr. Eva Sternfeld
Der Fluss wird breiter, das Wasser wird klarer. Das zusätzliche Wasser stammt aus der Kläranlage Jiuxianqiao 酒仙桥. © Dr. Eva Sternfeld
Neubau von Wohngebieten entlang des Flusses. Die Nähe zum Fluss steigert den Immobilienwert. © Dr. Eva Sternfeld

Wanderung “entlang” der Urbanisierung Beijings

Bei den Wanderungen lernt man viel: Nicht nur über den Zustand der Gewässer, sondern auch über den Wandel der Stadt und die Herausforderungen der Urbanisierung. Sobald man in Beijing aus der Innenstadt über die 4. Ringstraße hinauswandert, wechseln sich Neubauareale mit den Überresten ehemaliger Dörfer ab, die nun zu überfüllten Unterkünften der Arbeitsmigranten geworden sind. Bei im Lauf der Jahre explodierten Immobilienpreisen lässt sich feststellen, wie die Wohngebiete für die ärmere Bevölkerung und Zugewanderte immer weiter an den Stadtrand verdrängt werden. Hier fehlt noch immer jegliche Infrastruktur, für Abwasser- und Müllentsorgung bleiben nur die Gewässer.
Inzwischen hat die Wanderbewegung Le Shui Xing überall in China Nachahmer gefunden und laut Zhang gibt es in über hundert Städten ähnliche Initiativen. Googelt man 乐水行 findet man Fotoimpressionen aus allen Landesteilen, wo Naturfreunde die Gewässer ihrer Umgebung erwandern und damit auch den Schutz der Gewässer als Naherholungsgebiete einfordern.

Kurzinterview mit Dr. Eva Sternfeld

Wir sind jetzt im Jahr 2020. Sind die BEIJING WATER WALKS noch aktiv?

Ich persönlich habe seit 2017 an keinen Wanderungen mehr teilgenommen, aber die Beijing Water Walks sind noch aktiv.

Wie hat sich Beijings Wassersituation seit deinen Walks in den Jahren 2008 und 2017 verändert?

Beijing ist der große Profiteur vom Süd-Nord Wassertransfer, der Wasser aus der Yangzi-Region nach Nordchina leitet, da für viele Anrainerprovinzen das Wasser aus dem Kanal zu teuer ist und sie es nicht entnehmen, kommt in Beijing Wasser im Überfluss an und hat die Wasserkrise deutlich gemildert. Beijing nutzt dieses überschüssige Wasser vor allem für die Stadtbegrünung und Schaffung von wassernahen Erholungsgebieten. So führt nun im Süden der Stadt der viele Jahre ausgetrocknete Yongding-Fluss wieder Wasser. Die akute Wassernot scheint auch durch den Klimawandel etwas gemildert, so werden in der nordchinesischen Tiefebene in letzter Zeit mehr Niederschläge verzeichnet.

Der bewusste Umgang mit dem Element Wasser ist Grundpfeiler lebenswerter Städte. Welche Themen und Konzepte in Bezug auf  das Themenfeld “Wasser und Stadtmachen” sind von besonderer Bedeutung für den Dialog in unserem CITYMAKERS-Netzwerk?

Der bewusste Umgang mit dem Thema Wasser in der Stadt äußert sich in vielen Facetten. Stichworte sind: die Renaturierung von Gewässern, der Zusammenhang zwischen Wasser und Stadtklima, die Funktion des Element Wassers als Naherholungsgebiet, Gewässerschutz, sowie die Verbindung von Wohnen und Wasser.

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