Interview: Berliner chinesische Träume

Published November 2018
Jeroen Versteele

Was ist Ihr persönlicher China-Bezug?

Bei uns im Haus der Berliner Festspiele haben wir am 1. und 2. Dezember 2018 die Shanghai Kunqu Opera Troupe (上海昆剧团) (SKOT) zu Gast. SKOT wird „Die vier Träume aus Linchuan“ (临川四梦) spielen, welches den gesamten Zyklus des Kun-Autors TANG Xianzu (汤显祖) umfasst. Darunter befindet sich auch das berühmte Drama „The Peony Pavilion“ (牡丹亭). Die gesamte Veranstaltung ist ein einmaliges Ereignis, worauf ich mich sehr freue.

Außerdem arbeitete ich als Dramaturg an der Produktion „Totally Happy“ (2015) von TIAN Gebing (Paper Tiger Theater Studio) und den Münchner Kammerspielen mit und inszenierte als Regisseur in Peking mit chinesischen Schauspielern und Mitarbeitern den Text der niederländischen Autorin Lot Vekemans „Gift“ (2017). Beide Projekte haben mich in einem intensiven Austausch mit chinesischen Künstlern und mit der Pekinger Gesellschaft gebracht – eine Lebenserfahrung.

Für die Berliner Festspiele war ich schon mehrmals in Peking unter anderem für das Theatertreffen in China. Jedes Jahr bringen wir gemeinsam mit Wu Promotion, dem Goethe-Institut Peking und Volkswagen eine Auswahl des Berliner Theatertreffens nach China.

Last but not least, bin ich seit Juli 2018 mit meiner chinesischen Frau verheiratet. Sie wohnt im Moment noch in Peking, zieht aber bald nach Berlin.

Der Besuch einer Peking-Oper ist in China ein kultureller Klassiker. Wie Sie gerade schon gesagt haben, bringen Sie nun die Kunqu-Oper, die Urform des chinesischen Musiktheaters, nach Berlin. Die Opern beschäftigen sich sowohl mit sozialen und politischen Einschränkungen im damaligen feudalen System als auch mit Themen wie dem Streben nach Freiheit und der Frage, wie wir zusammenleben sollten. Was können wir 2018 aus diesen Inszenierungen über das Zusammenleben zwischen China und Deutschland lernen?

Wenn man „Die vier Träume aus Linchuan“, den klassischen Kunqu-Zyklus von TANG Xianzu näher betrachtet, erkennt man Motive die auch bei Dante, Monteverdi und bei Shakespeare eine große Rolle gespielt haben. Was ist wahre Liebe? Welche Realitäten existieren neben der sichtbaren Wirklichkeit? Welchen Konflikt gibt es zwischen politischen und privaten Ambitionen? Fragen, die auch die deutsche und europäische Kunstgeschichte durchziehen. In unserer heutigen zeitgenössischen Kunstwelt steht Originalität und Innovation im Zentrum der Betrachtung. In den traditionellen asiatischen Künsten, wie etwa in der Kunqu-Oper, sind jedoch das Handwerkliche und der Wissenstransfer bedeutender. Ein Sprichwort lautet: „Wer einen Tag lang als Lehrer jemandem etwas beigebracht hat, der muss von ihm lebenslang wie ein Vater behandelt werden“. Somit liegen die Herausforderungen eines Kunqu-Künstlers darin, die Freiheit in der klassischen Form zu finden, die eigene Persönlichkeit in der festgelegten Choreografie zu zeigen und avantgardistisch mit Tradition umzugehen.

Wo befinden sich die Gemeinsamkeiten und Konfliktlinien in Ihrer Arbeit mit China?

Was wir auf jeden Fall teilen: die Liebe zum Theater und das Zusammenarbeiten über kulturelle Grenzen hinweg. Ich stelle mir Fragen wie, was mit einer Produktion passiert, wenn sie in einem so unterschiedlich kulturellen Raum gezeigt wird. Und welche Begegnungen zwischen Künstlern, Journalisten, Zuschauern stattfinden können. Bei jedem Projekt in China wird ganz grundsätzlich über die Entwicklung der Kunst und der Gesellschaft diskutiert. In diesem Rahmen werden Fragen gestellt, die einem sonst nie gestellt werden. Man bekommt einerseits unerwartete Fragen gestellt und erhält andererseits wertvolle Einsichten in die Gedankenwelt von Anderen. Die chinesischen Zuschauer sind wahnsinnig wissensdurstig, dankbar, neugierig und generös. Sie scheuen den Kontakt nicht und sind warmherzig.

Konfliktpotential gibt es dort, wo sich die chinesische Politik in die Kunst einmischt. Künstler haben es in Peking nicht nur deshalb schwer, weil Probe- und Präsentationsräume wahnsinnig teuer oder abgerissen werden, weil Platz für Kaufhäuser und Wolkenkratzer benötigt wird, sondern auch, weil die Zensur immer gnadenloser und defensiver auftritt. Weder lokale Künstler noch eingeladene Künstler haben die Möglichkeit, kritisch und autonom die Gesellschaft, Politik, Sexualität und die eigene Geschichte zu reflektieren. Das ist schade, denn so wird der Kunst eine wichtige Rolle entnommen. Eine freie Kunstszene als Teil eines öffentlichen Diskurses führt, wie eine freie Presse, zu einer gesünderen, reiferen Gesellschaft.

Welche Projekte der Berliner Festspiele zwischen Berlin und Peking befinden sich noch am Horizont?

Das Theatertreffen in China bereitet sich gerade auf die nächste Runde 2019 vor.

Das Jubiläum der Städtepartnerschaft Peking–Berlin 2019 feiern Sie wie?

Ich würde auf jeden Fall in eines von den vielen ausgezeichneten chinesischen Restaurants in Berlin essen gehen.

Welche Orte, Straßen, Nachbarschaften etc. fallen Ihnen ein, wenn Sie an ein lebenswertes Stadtmachen in Peking und Berlin denken?

In Peking: Das Kunstviertel 798; das Areal Inside/Outside im Westen der Stadt; die Hutongs und Clubs rundum den Trommelturm; die zugefrorenen Seen im Zentrum, auf denen die Menschen im Winter Schlittschuhlaufen.

In Berlin: Tempelhofer Feld; die vielen Parks und Gärten; die zahllosen Galerien, Ateliers und Bühnen der Stadt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Jeroen Versteele, geboren 1980 in Belgien, ist Dramaturg bei den Berliner Festspielen. Vorher war er Dramaturg am NTGent in Belgien, an den Münchner Kammerspielen und bei der Ruhrtriennale. Er arbeitete u.a. mit den Regisseuren Johan Simons, Meg Stuart, Luk Perceval und Susanne Kennedy zusammen.

Kontakt
jeroen.versteele@berlinerfestspiele.de

Search