Interview: Die Stadt als interaktive Leinwand

Published November 2018
© Florian Voggeneder
© König Reinhard

Der Pekinger November 2018 stand im Zeichen der Medienarchitektur und der urbanen Medienkunst. Susa Pop und Juan Carlos Carvajal Bermúdez im Gespräch mit Silvan Hagenbrock.

Media Architecture und Urban Media Art sind zwei große Themenbereiche, die Euch beschäftigen. Welche persönlichen Grundgedanken sind für Euch dahinter?

SP: Mit Urban Media Art kann man Prozesse in Echtzeit visualisieren, translokale Dialoge in Interaktion führen – also eine Gegenwart und ein Bewusstsein für die Gesellschaft entwickeln. Und die Komplexität unserer heutigen Zeit widerspiegeln.

JC: Der Begriff Media Architecture ist durch den Einbau von Displays in Gebäuden entstanden. Dadurch haben wir die Möglichkeit bekommen, digitale Inhalte in der Stadt zu zeigen.

Hat Urban Media Art ein größeres künstlerisches Potential, Juan?

JC: Ja. Susa hat mit ihrem Public Art Lab bereits zahlreiche Projekte in dem Bereich durchgeführt. Urban Media Art kann für mich auch auf andere Medien zugreifen, wie zum Beispiel auf urbane Bildschirme oder Video Mappings im städtischen Raum umsetzen.

Und was ist für Dich Media Architecture, Susa?

SP: Die ortspezifische Architektur bekommt plötzlich Beine – hat mal ein Architekt gesagt.

Man kann also sagen, dass Media Architecture eher statisch gedacht und Urban Media Art prozessual und die „Stadtfläche als wandelbare Leinwand“ gesehen werden kann?

SP: Ja – Media Architecture und Urban Media Art schaffen hybride Orte und Prozesse im Stadtraum. Wir unterscheiden oft zwischen “Urban Media Environments” – “Medienarchitektur” – “Medienfassaden” – “Urban Screens” und “mobile interaktive Projektionsflächen” sowie “Smart Materials, also digitale Infrastrukturen, die sich zwar in ihrem Format unterscheiden, aber alle interaktive Schnittstellen für Interventionen und generische Inhalte bereitstellen können.

JC: Media Architecture ist sehr eng mit den Gebäuden verbunden, daher ist sie etwas „statischer“ beziehungsweise weniger beweglich als andere Medien.

Juan, Du bist „interaction designer“ und arbeitest an Deinem PhD am Austrian Institute of Technology. Du bist außerdem Mitglied des Vorstands des Media Architecture Institutes. Wie ist Deine Verbindung zu China und wie kam es dazu, dass du nun in den nächsten Monaten in Peking leben wirst?

Die Verbindung zu Peking ist durch das Media Architecture Institute entstanden. Prof. CHANG Zhigang ist Direktor des Instituts in China und schlug vor, dass die Media Architecture Biennale im November 2018 in Peking stattfinden sollte. Das MAI wurde mit der Organisation der Media Architecture Awards beauftragt. In den kommenden Wochen werden wir die Arbeiten der mehr als 70 Teilnehmer:innen in Peking ausstellen und die Gewinner verkünden. Man kann die Projekte unter awards.mediaarchitecture.org[m1] sehen. Außerdem wird eine interaktive Installation mit den Projekten zu sehen sein.

Von der Architektur zum Städtischen. Susa, Du bist Mitbegründerin der Urban Media Art Academy und des Public Art Lab, Designerin, EU-Kulturmanagerin, Kuratorin und global tätig. Was war Deine erste China-Erfahrung?

Ich war 2006 zum ersten Mal in China zum Satellite Eventdes IETM – International Network for Contemporary Performing Arts. Europäische und chinesische Künstler:innen haben sich vorgestellt. Es war sehr unterschiedlich – die europäischen Künstler:innen waren schon damals sehr prozessorientiert, während die chinesischen Künstler sehr auf Perfektion ausgerichtet waren.

JC: Ich finde auch, dass in Asien, speziell in China, der Maßstab von Projekten viel größer als in Europa ist. In Europa wird auf die Integration von Technologie und Gestaltung geachtet. Die Projekte in China könnten hierbei meiner Meinung nach etwas von europäischen Medienarchitekturen lernen und andersherum was Skalierung anbelangt.

Das Public Art Lab und das Media Architecture Institute waren bereits Partner im Rahmen von Connecting Cities– einem EU geförderten mehrjährigen Kulturprojekt.

JC: Meinst du Human Futures? Im Rahmen von diesem Projekt haben wir in Wien in der Seestadt Aspern das Flederhaus mit LEDs bespielt.

SP: Ja, Human Futures war das zweite EU-Projekt, das wir im Anschluss zusammen gemacht haben. Daniel Irequi und sein Projekt Control no Control haben wir mehrmals in China gezeigt. Bei Human Futures ging es vor allem um die ‘menschliche Dimension’ in Smart Cities.

Im November findet einerseits die Media Architecture Biennale und die Urban Media Art Academy in Peking statt. Ein Zufall? Und warum gerade Peking? Ist die Stadt ein Vorreiter in der urbanen Medienkunst und der Medienarchitektur?

JC: Die MAB18 in Peking wurde von Prof. CHANG Zhigang initiiert.

SP: Die Media Architecture Biennale und die Urban Media Art Academy werden von der Central Academy of Fine Arts (CAFA) organisiert. Prof. CHANG hat schon sehr erfolgreich den Media Architecture Summit in Peking veranstaltet und dabei große Aufmerksamkeit von der Regierung bekommen.

Prof. CHANG ist also der wesentliche Akteur in China, wenn es um das Thema geht?

JC: Und mit ihm das ganze Team der CAFA.

SP: Ich habe gehört, dass Prof. CHANG Zhigang mit einer Studie zur chinesischen Medienarchitektur beauftragt wurde – weißt Du näheres, Juan?

JC: Nein leider nicht.

SP: Neben Prof. CHANG spielt Tanya Toft Ag eine große Rolle. Die Urban Media Academy hat sich aus Connecting Cities und der Publikation What Urban Media Art Can Do gegründet – Tanya Toft Ag ist Ko-Redakteurin und Mitbegründerin der Academy.

Susa, du hast in einem Interview mit dem Goethe-Institut Bangkok einmal die Frage gestellt, was die urbane Medienkunst für die Gesellschaft bzw. für gesellschaftliche Missstände tun kann. Hast Du darauf mittlerweile eine Antwort darauf gefunden?

SP: Urbane Medienkunst ist nicht statisch, sondern kreiert Prozesse, die einen Bezug zum urbanen Kontext herstellen können und die Menschen in diese Prozesse künstlerisch miteinbeziehen können. Wir haben auch viele Projekte realisiert, mit denen ein translokaler Dialog – also ein Austausch zwischen Menschen an verschiedenen Orten in einer Echtzeitprojektionen stattfinden können. Es gibt hier viele Möglichkeiten des ‘Creative Citymakings’.

Wie steht es um die chinesische und europäische Medienarchitektur?

JC: Es gibt eine Tendenz, Medien in der Stadt für kommerzielle Ziele zu verwenden und Tendenzen, die mehr Teilnahme in der Medienarchitektur erlauben. Ko-Kreation ist generell im urbanen Kontext ein wichtiges Thema geworden.

SP: Viele Diskussionen zur „europäischen“ Medienarchitektur und urbaner Medienkunst finden im Kontext von Smart Cities statt. Bei der “europäischen“ Diskussion handelt es sich um die Inklusion der Stadtbewohnerschaft – ja, wie Juan schreibt – es geht um Co-Design, Partizipation, Demokratie. Bei der “chinesischen“ Medienarchitektur geht es mehr um Größe und Spektakel.

Welches Media Architecture Projekt steht für Dich für Ko-Kreation, Juan?

Ein Projekt in Brasilien: CHAVE DO CENTRO OR “THE KEY TO DOWNTOWN”. Das Projekt hat es zum Teil geschafft, eine Autobahn in eine Fußgängerzone umzuwandeln.

Wie verhandelt ihr die verschiedenen Ansätze mit der Stadtverwaltung in Peking? Größe und Spektakel vs. Inklusion?

SP: Ja – wie erklären wir diesem Akteur, dass der demokratische Diskurs und die Bürgerbeteiligung wichtig ist? Die Zensur und das Kollektive spielt hier immer eine große Rolle.

JC: Die Bewohnerschaft soll das Recht haben, die eigene Medienlandschaft mitzugestalten. Die größte Herausforderung liegt in der Teilnahme der Einwohnerschaft am Diskurs. Egal ob in Europa oder in China: Medien können eine größere Rolle dabei spielen, da sie uns Vorbilder täglich aufzeigen können, zum Beispiel wie wir uns nachhaltig durch die Stadt bewegen sollten.

Abschließend, welches Video habt ihr nach unserem Gespräch im Kopf?

JC:

SP:

JC: @Susa Pop wie kann man an der Urban Media Academy teilnehmen?Auf unserer Website http://urbanmediaart.academy gibt es bei UPCOMING einen Link zur Registrierung für ein Lab + Lectures Programm mit Field Trip vom 8.-10. November und am 14. November nachmittags ein Symposium alles im Rahmen von mab18.org. Und zum 30-jährigen Jubiläum des Goethe-Instituts in China zeigen wir am 17. November um 23 Uhr (CST) um 16 Uhr (MEZ) das Digital Calligraffiti Projekt, wo die Besucher:innen in Echtzeit zwischen Berlin und Peking Nachrichten schreiben können und zusammen mit den Calligraffiti Künstlern ABS Crew (Peking) und Friendly und Theosone (Berlin) Tags zeichnen können. Näheres findet ihr unter www.digitalcalligraffiti.org. Wir freuen uns über Teilnehmer:innen des Programms STADTMACHER China – Deutschland!

SP: Vielen Dank!! Schönes Format.

JC: Danke sehr für die Einladung!

 

Susa Pop ist Kuratorin für urbane Medienkunst, Designerin und EU-Kulturmanagerin. Als Mitbegründerin und künstlerische Leiterin von Public Art Lab kuratiert und produziert sie ländervernetzende Kreativprojekte und Kommunikationsformate im öffentlichen Raum unter Einbeziehung digitaler Medien an den Schnittstellen Wissenschaft, Stadtentwicklung und Kreativwirtschaft. Partizipation der Öffentlichkeit, Digital Placemaking, und interkultureller Austausch sind Themenschwerpunkte der erfolgreich realisierten Projekte: u.a. Live the City Bangkok (2016), Connecting Cities (2012-16), Future DiverCities (2016-2020). 2017 hat sie gemeinsam mit Tanya Toft in Kooperation mit dem Goethe-Institut Thailand die Urban Media Art Academy ins Leben gerufen. Publikationen (Auswahl): Urban Media Cultures (2012), What Urban Media Art Can Do (2016), Creativity in Urban Context (2017).
Public Art Lab Urban Media Art Academy Connecting Cities  Future DiverCities

Juan Carlos Carvajal Bermúdez ist ein unabhängiger Interaction Designer und Doktorand am Austrian Institute of Technology. Er ist auch Vorstandsmitglied des Media Architecture Institute. Seine Doktorarbeit befasst sich mit neuen Methoden der Bürgerbeteiligung. Seine Masterarbeit beschäftigte sich mit Kunst im öffentlichen Raum und der Beteiligung von Gemeinschaften an der Entwicklung ihrer Umwelt. Er hat am Ars Electronica Festival in Österreich, der Media Architecture Biennale in Dänemark und dem Media Architecture Summit in Beijing, teilgenommen. In Wien war er an der Gestaltung und Installation einer Medienfassade für die Präsentation von Videokunst und interaktiven Installationen beteiligt. Mit dem Projekt „Cicloscopio“ gewann er einen Jurypreis in den Velocity cicling visionary awards 2013.
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