Interview: Gemeinsames deutsch-chinesisches Gärtnern – Hands-on Alternativen zum interkulturellen Trainingsseminar

Published September 2018
Location Berlin
© www.jansiefke.de

Was war Eure ursprüngliche Motivation für das Urban Farming Projekt?

WU Yimeng: Anfang des Jahres 2018 hatten wir nach einem Ort gesucht, wo wir die theoretischen Recherchen, die wir für den Urban Farming Incubator gemacht hatten, in die Praxis umsetzen wollten. Über GONG Wenye kam der Kontakt zu Max Pflanzen zustande.

Hier bekamen wir einen Platz für unsere Experimentierfläche – für den deutsch-chinesischen Gemüsebereich.

Cecilia Antoni: Genau, wir wollten einfach mal diesen ganzen Prozess praktisch durcharbeiten, vom Finden der Fläche über das Anlegen der Hochbeete etc. Daraus ist schließlich ein Handbuch entstanden, in dem wir unsere Erfahrungen weitergeben, um zu sagen: Es ist gar nicht so schwierig, fangt einfach an!

Ich selbst bin erst relativ spät zu diesem Projekt hinzugestoßen. Mich interessierte besonders der Aspekt mit den chinesischen Pflanzen – die kannte ich bis jetzt nur vom Asia Markt, wusste aber nicht, wie man sie verwendet. Ich habe Experimente gemacht und in meinem Stückchen Beet zum Beispiel nur Bohnen angepflanzt. Das hätte ich ja hier sonst nirgendwo machen können. Fotos und Rezepte habe ich auf meinen Blog gestellt.

Außerdem war da auch die Idee, einen Ort in der Stadt zu haben, wo man sich erholen kann, ohne groß rausfahren zu müssen.

WU Yimeng: Da kann ich mich anschließen. Der Max Pflanzen Garten ist einfach eine besondere kleine Oase mitten im Hochhausdschungel. Ich bin gerne bei dem Projekt dabei gewesen, weil ich schon seit vier Jahren bei Meine Ernte ein Mietbeet bewirtschaftet und Gemüse angebaut habe.

Ein spannender Aspekt – für mich als kreative Person – ist auch, dass wir den Garten sowohl als sozialen Raum, als auch als Kulturraum nutzen konnten. Zum Beispiel hatten wir ein Gartenfestival, wo wir kulinarische Workshops angeboten haben. Cecilia und GONG Wenye haben eine deutsch-chinesische Koch-Show veranstaltet. Und gemeinsam mit einer anderen Designerin, ZHANG Yizhi – Doooogs nennt sich ihre Indie-Buch-Plattform – haben wir einen Zeichenworkshop abgehalten und selbst publizierte Bücher zum Thema Natur präsentiert. Das ist der Mehrwert – der Aspekt, um den wir das reine Gärtnern ergänzt haben.

Aber viel ist gemeinsam mit Max Pflanzen entstanden – wir haben viel voneinander und zusammen gelernt – beispielsweise wie man Möbel aus Europaletten baut.

Wie habt Ihr die Förderung der Robert Bosch Stiftung genutzt? Was konntet Ihr damit realisieren?

WU Yimeng: Ganz konkret haben wir einen riesigen Haufen Erde, Saatgut und auch die leuchtend-gelben Boxen für die Hochbeete gekauft, in denen chinesische Pflanzen und drei Meter hohe Sonnenblumen herangewachsen sind. Die Erde hält bis jetzt immer noch. Ansonsten haben wir die Förderung auch noch für Kommunikations- und Baumaterialien verwendet. Wir haben bewusst darauf geachtet, die Förderung nachhaltig zu investieren – also in Dinge, die wachsen und über einen längeren Zeitraum verwendet werden können.

Welche positiven Nebeneffekte gab es noch?

WU Yimeng: Wir haben viele Leute aus der Nachbarschaft kennengelernt. Das Schöne an dem Garten ist, dass du dich nicht ankündigen musst, sondern einfach kommst. Und egal wer kommt, man kann sich immer über das Gemüse unterhalten.

Cecilia Antoni: Das Schöne an diesem Community Garden Projekt ist, dass Menschen aller Altersstufen angezogen werden. Meistens kennt man nicht mehr als die Vornamen der anderen Gärtner und Gärtnerinnen. Man fragt sowas wie: Wie wächst dein Gemüse? oder Hast du auch Probleme mit den Kaninchen? Das verbindet sehr. Es ist egal, welchen Hintergrund Du hast.

WU Yimeng: A propos Tiere, die sind auch ein sehr schöner Aspekt des Gartens. Das ist wirklich nicht nur ein Garten für uns, sondern hauptsächlich für die Tiere, die sich daran bedienen (lacht). Es mag zwar nicht so toll für die Erträge sein, aber es ist schön anzusehen, wenn der Teich als Tränke genutzt wird und man merkt, dass sich die Tiere hier offensichtlich so sicher fühlen. Es gibt viele unterschiedliche Vogelarten, Kaninchen, Enten, Füchse und Fische, Libellen… Man erlebt das Jahr über die Tiere nochmal ganz anders.

Cecilia Antoni: Für die Wildtiere ist das ein Paradis, sonst gibt es ja wenige Möglichkeiten wo sie sich in Ruhe aufhalten könnten. Und hier ist ein geschützter Raum, und uns bereitet es Freude, sie zu sehen.

Ihr habt dann ja auch ein Sommerfest veranstaltet.

WU Yimeng: Das war sehr viel Arbeit, aber wir konnten viele neue wertvolle Erfahrungen sammeln und mussten uns mit konkreten Fragen, wie Was und wieviel kaufen wir ein? beschäftigen.

Ursprünglich hatten wir vor, unseren Garten über die Essenseinnahmen finanziell zu unterstützen. Aber das hat leider nicht so geklappt, weil wir den einzigen Regentag des Sommers erwischt haben und deshalb unsere Grundkosten nur knapp decken konnten. Es war aber einen Test wert, um herauszufinden, welche zukünftigen Finanzierungsmöglichkeiten in Frage kommen, nachdem die Robert-Bosch-Förderung ausgelaufen ist. Social Business über Essensverkauf hat also nicht so ganz geklappt.

Cecilia Antoni: Bei dem Fest konnte sich jeder und jede frei einbringen und sagen, was er oder sie gerne machen wollte. Der Garten ist einfach auch ein Raum, in dem man Dinge ausprobieren kann, die man noch nie vorher gemacht hat. Es ist nicht so schlimm, wenn es nicht direkt funktioniert.

WU Yimeng: Vieles entstand aus Eigeninitiative – zum Beispiel hat ein Paar aus der Nachbarschaft zum Sommerfest einen Kräutersalzworkshop vorbereitet. Und GONG Wenye hat für die Gäste einen chinesischen Hotpot zubereitet und meinte anschließend begeistert: „Ich fand’s toll! Ich habe vorher noch nie eine Kochshow gemacht!“

Eines Eurer Ziele (siehe Recommendations 2018) war es ja auch, einen sogenannten „Classroom under the tree” zu gestalten. Seid ihr diesem Ziel näher gekommen?

Cecilia Antoni: Das waren die schon erwähnten Workshops wie der Zeichenworkshop, da waren Kinder und Erwachsene dabei.

WU Yimeng: Wir hatten mal angeboten, dass die Schüler vom Max-Planck-Gymnasium bei unseren Workshops und dem Sommerfest kostenlos teilnehmen können, aber es hatte sich niemand angemeldet. Es kann sein, dass es für sie ein „Unort” für die Freizeit ist und sie den Garten mit der Schule assoziieren. Daher würde es Sinn machen, während des Schulunterrichts etwas anzubieten.

Cecilia Antoni: Ich fände es ebenfalls schön, enger mit der Schule zusammenzuarbeiten. Vielleicht erstmal mit einer Klasse und einem Lehrer. Das ist schon eine einzigartige Möglichkeit für die Schüler. An japanischen Schulen gibt es zum Beispiel immer einen kleinen Garten, wo die Schüler lernen, wie die Lebensmittel wachsen und so eine andere Wertschätzung dafür entwickeln, wenn sie merken, wie viel Arbeit in so einer Pflanze steckt bis es zur Ernte kommt. Und das fehlt hier so ein bisschen in Deutschland.

WU Yimeng: Gregor Von Der Wall von Max Pflanzen hat glücklicherweise einen guten Kontakt zu der Schule. Das wäre jetzt in der Winterzeit, wenn hier im Garten nichts passiert, ein Projekt: also sich mit möglichen Wegen der Finanzierung, Stiftungen etc. auseinanderzusetzen. Die Schule kann auch Anträge für Fördermittel stellen.

Welche Ideen habt Ihr noch für die nächste Zukunft?

WU Yimeng: Unsere Ernte war ja eher sehr klein, daher wollen wir auf jeden Fall mit den Gegebenheiten noch besser arbeiten und eventuell jemanden konsultieren, der einen Gesamtplan machen könnte, wo man was am besten pflanzt, wie man Schattenbereiche nutzt, die Erde aufwertet oder die Biodiversität im Garten erhöhen kann. Also das Ganze professioneller angehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Links
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