Interview: Zurück in die Natur!

Published November 2019
Location Vienna
Knut Wimberger

Knut Wimberger ist Partner von Green Steps in Shanghai. Die auf Umweltbildung für Kinder und Jugendliche, Schulen und Firmen fokussierte Organisation vermittelt einen zukunftsfähigen Umgang mit den Ökosystemen Shanghais. Im Gespräch mit Silvan Hagenbrock erzählt Knut Wimberger, dass Expert:innen davon ausgehen, dass die Biodiversität der Shanghaier Wetlands in den nächsten fünf Jahren bereits zerstört sein könnte.

Du bist leidenschaftlicher Radfahrer. Es ist eine Form, wie Du dich mit der Natur verbindest. Wie ermutigst Du Menschen in Deinem Umfeld in Shanghai dazu, auf das Rad umzusteigen, wenn es die Distanzen erlauben?

Man sagt, dass Radfahren der Sport von Männern in der midlife crisis ist. Ich denke, das ist richtig und trifft auch auf mich in gewisser Weise zu, denn ich habe erst mit etwa 35 in Shanghai begonnen, Rennrad zu fahren. Die Landschaften, die wir unsere Heimat nennen, prägen ebenso wie unser Alter, welchen Freizeitaktivitäten wir nachgehen. In meiner Jugend bin ich gerne in den Alpen wandern gegangen, doch hier in Shanghai kann man das flache und unendlich weite Flussdelta des Yangtzes nicht gut durchschreiten. Wenn man die Nähe zur Natur sucht, ohne dabei hunderte Kilometer mit Bus, Zug oder gar Flugzeug zurücklegen zu müssen, dann stößt man unweigerlich auf drei Aktivitäten: segeln, kayaken und radfahren. Ich gehe all diesen Aktivitäten rund um und am Dianshan See 淀山湖 etwa 60 Kilometer westlich vom Shanghaier Stadtzentrum seit zehn Jahren nach und finde so die Balance, welche ich früher in den Bergen gefunden habe.

Du kennst sicherlich das Buch Ost trifft West von der Designerin LIU Yang – ihre Visualisierung der Wahl des Verkehrsmittels ist sicherlich noch immer größtenteils richtig. Es schwingen sich aber mittlerweile immer mehr Chinesen auf ihre Drahtesel, um kurze Distanzen etwa zur nächsten U-Bahnstation zurückzulegen. Shanghai ist allerdings noch immer nicht mit wegweisenden Städten wie Kopenhagen oder Wien zu vergleichen, welche es ihren Bewohnern mit durchgängig geplanten Radwegnetzen ermöglichen, weite Distanzen etwa von zu Hause bis zum Büro täglich zurückzulegen. Ich fahre in Shanghai oft mit dem Rad ins Büro und es gibt auf diesen acht Kilometern keinen einzigen Radweg. Insofern ist Radfahren nicht nur gefährlich, sondern die Luftverschmutzung verdirbt einem auch oft die Lust, in die Pedale zu treten.

Insofern animiere ich niemanden, in Shanghais Stadtzentrum radzufahren, aber wir laden ein, die inspirierende, von hunderten Kanälen durchzogene und von dutzenden Seen durchsetzte Landschaft im Westen Shanghais mit dem Fahrrad zu erkunden. Für mich gibt es gegenwärtig nichts Erholsameres, als früh morgens mit dem Rad aufzubrechen und zum Frühstück zu meiner Familie in unser Landhaus zurückzukehren. Die frische Luft, der Blick über die sich im Jahreskreislauf farblich verändernden Reisfelder und das Vorbeistreichen der traditionellen Dorfbilder entschleunigt meinen Stadtgeist und beruhigt mich.

Auf einer deiner Radtouren hast du am Dianshan Lake 淀山湖 westlich von Shanghai ein Dorf gefunden, das für den Parrot Tree geeignet ist. Mit dem Parrot Tree möchtet ihr mit Green Steps einen Ort schaffen, wo Kinder und Jugendliche sich der Großstadt entziehen, sich erden und auf Kanutouren Vögel beobachten sowie die Planzenwelt kennenlernen sollen. Es ist ein Zentrum, in dem zukünftige Green Steps Nature Guides ausgebildet werden. Wie reagieren die Kids auf den Ortswechsel von der Stadt aufs Land?

Green Steps wurde von meinem Partner, dem spanischen Meeresbiologen Joan Elizalde, 2017 gegründet, weil er sehr intuitiv wahrgenommen hat, dass die Naturentfremdung chinesicher Städter wie eine Epidemie um sich greift. Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren verschärft diese Entwicklung in China im Vergleich zu Europa: der Druck des Bildungssystems, die konfuzianische Arbeitsethik, die atemberaubende Digitalisierung der Gesellschaft und die beschleunigte Urbanisierung des Landes.

Während sich im Westen während 250 Jahren industrieller Revolution schrittweise eine Freizeitkultur in der Natur entwickelt hat, welche zum Beispiel in Österreich im Sommer aus Wandern und im Winter aus Tourengehen besteht, hat die auf 40 Jahre komprimierte industrielle Revolution Chinesen wenig Zeit gelassen, eine moderne Tradition des Naturerlebens aufzubauen. Viele chinesische Eltern sind selbst noch in kleinbäuerlichen Strukturen aufgewachsen und verstehen nicht, was ein Westler auf den Bergen, auf dem Rad oder im Kayak sucht. Umsoweniger sind sie fähig, ihren Kindern einen Bezug zur Natur ins Leben mitzugeben. Sie sind, wenn man so will, von der Natur entwurzelt und viele verabscheuen die Natur sogar, weil sie mit ihr einen Rückschritt in eine Agrargesellschaft verbinden.

Viele Kinder, die an unseren Aktivitäten teilnehmen oder ein Wochenende im Parrot Tree verbringen, sind daher nicht sicher, wie sie sich verhalten sollen. Oft stehen Eltern oder Großeltern misstrauisch neben den Kindern und fürchten, dass diese sich schmutzig machen oder verletzen. Ich kann mich beispielsweise an drei sechsjährige Buben erinnern, die im Sommer 2018 bei uns waren und das erste Mal in ihrem Leben barfuß gelaufen sind. Es wird den Kindern generell zu wenig Freiraum gegeben, sich selbst in der Natur zu finden und Körperbewusstsein aufzubauen. Wir beobachten, dass die Grobmotorik chinesischer Kinder häufig unterentwickelt ist und sie sich in unebenem Terrain schwer tun, ihre Körperkontrolle aufrecht zu halten. Andererseits ist es immer wieder erbauend, wenn wir auf unseren multisensorischen Wanderungen die volle Aufmerksamkeit unserer jungen Teilnehmer für mehrere Stunden bekommen.

 

Stadtkinder wissen oft sehr wenig von der Natur. Wie begegnest Du dem Natur-Defizit-Syndrom?

Das Nature-Deficit-Syndrom ist ein Sammelbegriff, der vor etwa 15 Jahren vom amerikanischen Autor Richard Loev eingeführt wurde, um eine steigende Zahl von unterschiedlich diagnostizierten mentalen und physischen Erkrankungen insbesondere bei Kindern zu beschreiben. ADHD, verlangsamte kognitive Entwicklung, Fettleibigkeit, Depression, Allergien oder verringerte Kreativität sind nur einige der Probleme, welche Loev – und auch wir – glauben, mit mehr – viel mehr – Naturkontakt lösen zu können. Wir betrachten den ungeschützten Außenraum, ob Stadtpark oder Vorortwald, als ein Klassenzimmer der besonderen Art. Die Natur unterstützt sowohl die Lehrenden wie auch die Lernenden in wunderbarer Art und Weise und wir können auf unseren mehrtägigen Veranstaltungen bei vielen Kindern verlängerte Aufmerksamkeitsspannen sowie reduzierte Aggression feststellen.

Green Steps bietet ein Curriculum für Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 1,5 und 18 Jahren, welches zoologisches, botanisches und ökologisches Wissen spielerisch vermittelt. Die Kinder entwickeln darüber hinaus eine klarere Beziehung zu sich selbst und verstehen besser, wie sie mit unserem Planeten in Verbinden stehen. Wir lehnen unser Curriculum an entwicklungspsychologische Phasen an und haben diese mit indianischen Tiersymbolen visualisiert.

Als Student der Psychologie und Rechtswissenschaften in den 1990er Jahren in Wien hattest Du den Neusiedlersee für Dich als spektakulären Naturschauplatz und Ort für sportliche Aktivitäten entdeckt. Knapp 20 Jahre später ist der Umgang mit dem Ökosystem Neusiedlersee ein best practice für Dich, um potentielle Kooperationpartner:innen für Eure Initiative rund um den Parrot Tree zu gewinnen. Besonders in China siehst Du Herausforderungen im Bereich der Disneyfizierung von Naturschutzräumen bzw. der Entwicklung hin zu reinen Themenparks sowie die Gefahr, dass dadurch lokale Identitäten und traditionelles ökologisches Wissen verloren geht.

Was sind die Herausforderungen im Umgang mit den Politikgestalter:innen, denen Du Green Steps Vorhaben / Parrot Tree vorstellst?

Nun, in erster Linie stellt sich das Problem, als Privatperson überhaupt Gehör zu finden. Ich denke das ist überall auf der Welt so. Aber darüberhinaus ist die sozioökonomische Entwicklungsstufe Chinas aus meiner Sicht der größte Hemmschuh. Stell dir vor, du wolltest einem deutschen Politiker in den Wirtschaftswunderjahren der 1960er umweltbewusstes Handeln erklären. Keiner hätte dir damals zugehört. Es ging um Wachstum, Erträge und Profite. So ticken die Volkswirtschaften der Modernität und ihre systemimmanenten Agenten.

 

Du warst von 2009 bis 2010 Technologie-Attachée des österreichischen Konsulats in Shanghai und bis 2016 Geschäftsführer von Fronius China, einem Unternehmen, das auf Photovoltaik und Schweißrobotik spezialisiert ist. Wann kam der Moment, an dem Du dir gesagt hast, Du willst Dich der Umweltbildung verschreiben und daher das Unternehmen verlassen?

Als gebürtiges Stahlstadtkind habe ich den Umweltschutz nicht mit der Muttermilch aber mit der Luftverschmutzung und dem sauren Regen der 1970er und 80er in die Wiege gelegt bekommen. Ich bin in den öffentlichen Dienst und anschließend in die Privatwirtschaft gelangt, weil meine Ambitionen, unmittelbar nach dem Studium beziehungsweise durch das Doktorat bei NGOs wie der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit oder The Nature Conservancy Karriere zu machen, nicht in Erfüllung gingen. Bei Fronius durfte ich die Boom-Jahre der chinesischen Photovoltaikindustrie und der Automobilrobotik miterleben und dadurch das Land sowie seine Akteure von einer mir damals noch unbekannten Seite kennenlernen. Überdies macht man als Geschäftsführer eines Technologiekonzerns in einem derart komplexen Markt wie China quasi einen doppelten MBA – die Lernkurve während der ersten fünf Jahre war vor allem rückblickend exponential.

Unsere beiden Kinder und die Firmenpolitik im Zusammenspiel mit Chinas economy of scale haben mich ab spätestens 2014 hinterfragen lassen, was der Sinn meiner Arbeit ist. Noch mehr Automobile noch schneller zu bauen? Noch mehr Arbeitsplätze noch schneller zu automatisieren? Das wiederholte Studium von Branchen- und Industrieberichten zur Robotik haben mein Interesse an der Zukunft der Arbeit entfacht und mich damals die Tragweite der bevorstehenden Veränderungen am Arbeitsmarkt erkennen lassen. 2016, mit 40, war mir dann klar, dass ich die zweite Hälfte meines Lebens in den Dienst der Zukunft unserer Kinder stellen wollte. Glücklicherweise stimmte meine Frau damals einem Rollenwechsel zu und seitdem ist sie für den Broterwerb verantwortlich, während ich mich auf die Lösung großer Bildungsfragen konzentriere.

Wenn Mittel und Finanzierung kein Problem wären: Welches Projekt neben oder mit Green Steps würdest Du gerne zwischen Europa und China realisieren?

Wir haben bei Green Steps das Ziel, Bildung neu zu denken und neu zu organisieren. Im Kern geht es darum, einen Rahmen zu schaffen, der eine Transformation vom gegenwärtigen Bildungssystem hin zu einem post-industriellen und post-nationalen ermöglicht.

Project ARK geht von der Annahme aus, dass der Großteil an Arbeit, wie wir sie derzeit kennen, in Zukunft von Maschinen und Algorithmen erledigt wird. Der Bildungsfokus auf den standardisierten Erwerb von industriellen Fähigkeiten ist somit überholt. Wir brauchen nicht mehr gehorsame Soldaten, die Befehle lesen und befolgen können, sondern selbstmündige Bürger, die in einer gesunden Beziehung zu sich, anderen und dem Planeten stehen. Ökologie und Empathie sind daher die wesentlichen Lerninhalte des 21. Jahrhunderts.

Wir hoffen innerhalb dieses Projektes einen regen Austausch zwischen europäischen und chinesischen Jugendlichen und Studenten einzuleiten und haben dieses auch für den Citymaker Call 2020 eingereicht.

 

Knut Wimberger was born in Austria in 1976 and studied law, psychology and sinology in Austria, Spain and China. He came to China for the first time in 2000 teaching English and German at Qiqihar University and in the city’s SOS Children’s Village. In 2005 he joined The Nature Conservancy in Kunming researching for his Juris Doctorate on the establishment of China’s first National Park, Pudacuo. After a decade in the technology and manufacturing industries, Knut merged his management experience and life-long interest in psychology to consult non-profit organizations and social enterprises on HR and organizational development issues. As co-founder and long-time board member of a Shanghai based non-profit kindergarten he learned first-hand that growing human potential starts early on. Knut therefore continued his training in Montessori early childhood education and now designs the environment to help children unfold their potential for Green Steps. Since 2009, Knut lives with his wife and two children in Shanghai.

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