About: 6 Fragen an Maja Linnemann

Published March 2019
Location Bremen
In Jingdezhen © Lao Du

Maja, Du warst 1989 das erste Mal in China: Was war die erste STADT auf die Du in China getroffen bist, und an was kannst Du Dich erinnern? Wie sah die erste urbane Erfahrung aus? Was war da auf den Straßen los?

Im April 1989 – also vor ziemlich genau 30 Jahren – kam ich mit der Transsibirischen Eisenbahn in Peking an. Ich wohnte im Qiaoyuan-Hotel im Süden Pekings, einem der ganz wenigen Hotels in der Stadt, die damals für nicht-chinesische „Backpacker“ in Frage kamen. Es existiert übrigens immer noch! In den ersten zwei, drei Tagen habe ich versucht, die Stadt zu Fuß zu erkunden, wie ich es als Touristin von europäischen Städten gewohnt war. Es war sehr heiß und die Entfernungen, die ganze Dimension der Stadt, waren überwältigend. Zum Glück gab es beim Hotel die Möglichkeit, Fahrräder auszuleihen, was ich dann am dritten Tag auch tat und mich in die Ströme der Fahrradfahrer einreihte. Auf dem Tian’anmen-Platz demonstrierten zu der Zeit die Studierende, aber das habe ich gar nicht bewusst wahrgenommen. Ich konnte ja auch kein Chinesisch und war wirklich irgendwie ein Fremdkörper im organischen Gewebe der Stadt, eine stumme, staunende Beobachterin. Ich erinnere mich, wie ich am Qianmen vorbei radelte und ein Mann mich auf Englisch ansprach. Wir radelten kurz nebeneinander her, aber was er fragte und sagte, daran erinnere ich mich nicht.

Eine befremdliche Erinnerung habe ich an den Park um den Himmelstempel, genauer gesagt an die Lautsprecher, die dort Musik spielten und beharrlich Informationen in die Umgebung posaunten. Ich fand natürlich, in einem Park sollte es eher ruhig sein.

Mir hat Peking als Radfahrerstadt gut gefallen, und einer der Hauptgründe, die Stadt nach 14 Jahren 2013 zu verlassen, war für mich letztendlich die unerträgliche Dichte an Pkws, die um den Raum in der Stadt kämpfen und Fußgänger und Radfahrer an die Ränder drängen – manchmal auch auf die Fahrbahn, was ziemlich gefährlich ist.

Und wie sah Deine erste ländliche Erfahrung in China aus?

Es war nicht die erste ländliche Erfahrung, aber während unseres Studiums in Chengdu sind wir (also Du und ich und eine dritte Kommilitonin) nach Ya’an, auch in Sichuan, gefahren und haben drei Tage bei einer Bauernfamilie gewohnt, deren Adresse uns jemand gegeben hatte. Am 2. oder 3. Tag trafen wir bei unseren Wanderungen ein Mädchen, das uns zum Essen einlud. Ihre Familie bat uns an den reichlich gedeckten Tisch mit den Worten: „Wir wissen nicht, was ihr so esst und was ihr mögt, das ist, was wir haben, und hoffentlich schmeckt es Euch.“ Daran erinnere ich mich sehr oft, weil sie auf für mich sehr natürliche Art und Weise die möglichen Unterschiede zwischen ihren und unseren Gewohnheiten artikulierten, ohne etwas vorauszusetzen, ohne uns mit Gastfreundschaft zu überwältigen oder übertriebene Bescheidenheit zu zeigen. Bei demselben Ausflug saßen wir aber auch mal bei einer Bauernfamilie, die eher ärmlich lebten und uns ihr scheinbar einziges Teeglas anboten, was wir nicht sehr hygienisch fanden.

Von all den Städten und Dörfern durch die Du in Deinen mehr als 25 Jahren China gereist bist: Hast Du Lieblingsstädte oder Dörfer und welche sind das und warum?

Ich mochte Chengdu, wo ich studiert habe, und Peking, wo ich 14 Jahre gelebt habe, und mich sehr am rechten Platz gefühlt habe. Wie alle Städte in China haben sich auch diese Orte in den vergangenen 30 Jahren sehr verändert, sind sowohl in die Breite als auch in die Höhe gewachsen. Natürlich hat sich vieles verbessert, so zum Beispiel die Wohnsituation der Menschen und der öffentliche Nahverkehr. Aber das Kleinteilige oder auch das „Unfertige“, was eine Stadt spannend und liebenswert macht, ist weniger geworden. Und da das Leben in den Städten immer teurer wird, werden manche Bevölkerungsgruppen eben an den Rand oder hinaus gedrängt, so dass das „social fabric“ eintöniger wird. Der größte Fehler war es meiner Meinung nach aber, in diesen dicht besiedelten Städten privaten Autoverkehr zu fördern. Ich hoffe, dass diese Entwicklung – ähnlich wie jetzt in vielen europäischen Städten – in einigen Jahren wieder zurückgedrängt wird.

Dich faszinieren Friedhöfe und Du hast inzwischen einige Friedhöfe in chinesischen Städten besucht, wirst jetzt auch ein Buch darüber schreiben: Was genau interessiert Dich an dem Thema? Siehst Du da einen „blinden Fleck“ beim Thema „Tod und Stadt” gerade auch für die Frage „Was macht Städte lebenswert’?

Also in Deutschland, und einigen europäischen Ländern, sind manche Friedhöfe ja bereits touristische Attraktionen. Auf dem Père Lachaise in Paris trifft sich „die Welt“ und jede/r Besucher/in sucht ihren oder seinen Helden: Jim Morrison, Oscar Wilde, Edith Piaf…. Auf der Suche nach bestimmten Grabstätten kommt man dabei sehr leicht mit Fremden ins Gespräch. Die Friedhöfe sind einzigartige Orte, an den Geschichte und Geschichten, menschliche Schicksale, Zeitgeist und Natur zusammenkommen. In China reicht die Geschichte der Friedhöfe allerdings nicht so lange zurück, da Menschen auf dem Land eher verstreut an fengshui-mäßig „guten“ Orten beerdigt wurden. Außerdem scheint mir doch, dass für die meisten Chinesen ein Friedhof kein Ort ist, wo sie Ruhe und vielleicht auch Natur suchen würden, sondern eher ein Ort, der mit unbestimmten Ängsten verbunden ist. Außerdem liegen die Friedhöfe oft außerhalb, und sind manchmal nicht gut zu erreichen. Man geht eigentlich nur zu bestimmten Anlässen hin, zum Qingming Fest Anfang April und im Dezember zum Dongzhi Festival, um den Vorfahren zu huldigen, und Blumen oder Nahrungsmittel an den Gräbern darzubieten. Und es gibt die sogenannten Märtyrerfriedhöfe, zu denen Schulklassen mit dem Ziel ihrer ideologischen Erziehung geschickt werden. Die Fragen, ob es einen Ort für die Toten braucht, an dem man an sie erinnert und um sie trauern kann, wie diese Orte aussehen sollten, und ob das Teil einer lebenswerten Stadt ist, könnte ich in diesem Moment nicht beantworten. Da scheint auch einiges im Fluss zu sein, und darüber möchte ich in der nächsten Zeit mehr herausfinden.

Du bist Sinologin und arbeitest am liebsten als Redakteurin und Übersetzerin, Sprache ist Dein Metier. Achtest Du besonders auch auf Sprache im Stadtraum und wie denkst Du, prägt Sprache Städte?

Also erstmal habe ich ja China zunächst als stumme Analphabetin erfahren. Bei meiner ersten fünfmonatigen Reise war ich komplett darauf angewiesen, dass jemand Englisch konnte. Und so erfüllt es mich jetzt jedes Mal wenn ich in China bin mit Genugtuung, dass ich mir den Zugang zu Sprache und Zeichen erarbeitet habe, und die besten Erlebnisse in China sind jene, wenn man auf der Straße mit jemandem ins Gespräch kommt, – was ja bis zur flächendeckenden Ausbreitung des Smartphones ziemlich oft vorkam – und der oder die gar nicht sagt, „Dein Chinesisch ist aber gut.“, sondern es ganz natürlich findet, dass man sich verständigen kann. Wenn man die Sprache beherrscht, kann man auch sehr gut zusammen Witze machen und lachen. Dieser Aspekt des Humors entgeht glaube ich vielen Menschen, die kein Chinesisch können, und Chinesen häufig für eher humorlos halten.

Und ja, Sprache im Stadtraum spielt für mich eine große Rolle, da ich ständig am Lesen bin, von informellen Werbezetteln für alle möglichen Dienstleistungen über Ladenschilder, handgeschriebene Imbiss-Speisekarten, Werbung für Krankenhäuser, die man auf den Kopfstützen öffentlicher Busse findet, Benachrichtigungen für die Mieter in unserem Haus hinzu kommerzieller und politischer Werbung, wobei vor allem letztere den Stadtraum immer noch sehr prägt. Von diesen Zeugnissen moderner Schriftkultur habe ich unendliche viele Fotos. Aber auch akustische Eindrücke prägen ja den Stadtraum: Wer länger in China war, kennt den speziellen Tonfall der automatischen Ansage, wenn ein Auto zurücksetzt (dao che – dao che), die Ansagen in der U-Bahn, die man nach wenigen Fahrten fast auswendig kann, neuerdings den Hinweis an jeder Rolltreppe, sich ja gut festzuhalten, und die plärrenden Ansagen vom Band, die viele kleine Läden vor ihrem Eingang im Dauermodus ablaufen lassen: „Je mehr Sie kaufen, desto mehr sparen Sie.“ Und gleichzeitig verschwinden manche früher alltäglichen Geräusche, wie die Rufe des Zeitungsverkäufers in Chengdu „Waaaanbao“- Abendzeitung und der Schlepper von privaten Kleinbussen, die 1999 in Peking auf regulären Strecken fuhren; mein Bus war der „Sanling‘er“ 302 von Liangmaqiao zum Friendship Hotel. Und dann könnte ich auch gleich noch mal auf die Friedhöfe in China zurückkommen, wo viele Gräber relativ ausführliche Epitaphe, also biografische Informationen, auf den Grabsteinen haben, die in ganz unterschiedlichen Schrifttypen da eingemeißelt sind. Die interessieren mich auch sehr.

Wenn Du ein STADTMACHER China – Deutschland Projekt vorschlagen könntest, was wäre das?

Ich fahre in Städten sehr gerne Bus oder Straßenbahn, weil es dabei immer viel zu sehen gibt, vor allem im Vergleich zur U-Bahn. Und weil die Linien Teil der gewachsenen Stadtstruktur sind, im Gegensatz zu Stadtrundfahrten für Touristen. Angesichts der heutigen Verkehrssituation, mit denen vielen Staus etc., habe ich große Sympathien für die BusfahrerInnen in China, die sich da jeden Tag durchquälen, und andererseits ihre Strecken und die Stadt gut kennen. Vielleicht könnte man im Rahmen von Städtepartnerschaften mal einen Busfahreraustausch machen, und die jeweils eine Woche mit einem Kollegen in der Partnerstadt fahren lassen. Und darüber einen Dokumentarfilm machen. In Chengdu gab es früher übrigens besonders viele Busfahrerinnen.

Maja Linnemann studierte Sinologie in Bremen, Chengdu, Hamburg und London. Sie lebte 14 Jahre in Peking, wo sie u.a. als Redakteurin bei der Österreichischen Außenhandelsstelle und dem Goethe-Institut arbeitete. Von 2013 bis 2018 baute sie als Geschäftsführerin das Konfuzius-Institut Bremen mit auf. Seit Anfang 2019 ist sie freiberuflich als Redakteurin und Übersetzerin tätig. Das STADTMACHER China – Deutschland Projekt begleitet sie seit 2017.

Kontakt:
mlinnemann@posteo.de

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