Deutsche Bank, Konsulat, Rathaus – Die Architektur in der deutschen Konzession in Wuhan

Author Eduard Kögel
Published September 2020
Location Wuhan
© Yang Fan

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Die beiden bedeutendsten, erhaltenen Gebäude der ehemaligen deutschen Konzession werden inzwischen als Museen genutzt. Das ehemalige Konsulat übernimmt dabei als Museum der heutigen Partnerstädte eine Brückenfunktion zwischen Wuhan und der Welt.

»One finds English and Russian merchants in big three-storied ‹hongs›, which lounge complacently, with wide verandahs open to catch every breeze. The Germans live differently. In their concession red-brick villas, with gables and gilt official eagles just unpacked from Berlin, stand to attention in self-conscious discomfort.«
Everard Cotes: Signs and Portents in the Far East. London 1907, S. 81

So beschrieb der Engländer Everard Cotes 1907 seinen Eindruck der deutschen Konzession in Hankou. Er empfand die wilhelminische Repräsentation vermutlich etwas steif im Kontrast zur britischen Lebensform in den Kolonien. Tatsächlich entstanden in den 22 Jahren der deutschen Konzession in Hankou, zwischen 1895 und 1917, nur wenige erwähnenswerte Bauten. Nach einer Bestandsaufnahme von 1908, die sich eher wie die Beschreibung eines Industrieparks liest, gab es 42 Wohnhäuser im europäischen Stil, viele Lagerhäuser und Fabriken, so wie fast 400 Gebäude im »chinesischen Stil«. Die in diesem Bericht als Gebäude in »chinesischen Stil« bezeichneten Häuser, waren enge, zweigeschossige Hofhäuser, in denen die lokalen Arbeiter unterkamen. Einige davon stehen bis heute. Zu den wenigen öffentlichen Bauten zählten am Ende der Konzessionszeit 1917 das deutsche Konsulat, die Deutsch-Asiatische Bank und das Rathaus.

Das ehemalige kaiserliche Konsulat

Das Konsulat erbaute vom Frühjahr 1904 bis zum Winter 1905 die Handels- und Baufirma Selberg & Schlueter im Auftrag des Berliner Auswärtigen Amtes. In zeitgenössischen Berichten wurde besonders hervorgehoben, dass die Architekten die klimatischen Bedingungen als Grundlage für die Gestaltung betrachteten. Für den Garten besorgte man Material und Pflanzen, inklusive Palmen, aus Japan und Shanghai.

Das ehemalige kaiserliche Konsulat 1908 | © Studienwerk deutsches Leben in Ostasien e.V.

Die Einweihung fand am 18. November 1905 statt, über die im Ostasiatischen Lloyd stand: »Das nach deutschem Muster im Barockstil erbaute Hauptgebäude selbst erhebt sich am Kai inmitten eines weitläufigen Gartens von allen Seiten. […] Die geräumige Halle, die mit einer Garderobe im Erdgeschoss verbunden ist, führt zum Büro des Konsuls, einem Wartezimmer und einem Generalbüro, ein Sekretariat, eines für den Dolmetscher und eines für den chinesischen Dolmetscher, den Gerichtssaal und den Beratungsraum. […] Rund um das Erdgeschoss werden Veranden […] geführt. Eine komfortable dreiarmige Treppe führt zur dekorativen Oberlichthalle im Obergeschoss, in der sich die private Wohnung des Konsuls befindet. […] Die Veranda dieser Etage […] erweitert sich nach der Uferstraße zu einer massiven Terrasse. Das Haus wird von einer Kuppel gekrönt, die einen Bronzeadler trägt, der mit ausgebreiteten Flügeln von einem Globus aufsteigt.

Das repräsentative Gebäude im Stil des auslaufenden wilhelminischen Historismus wirkte wie eine preußische Pickelhaube in exotischer Kulisse. Allerdings war es den Architekten wohl bewusst, dass im »Backofen« Wuhan die Temperatur im Sommer leicht über 40 Grad ansteigen kann. Deshalb sind die Veranden um Erd- und Obergeschoss eine angemessene architektonische Maßnahme, um dem Klima standzuhalten. Dazu kam die Laterne auf dem Dach, die mit ihrem Kamineffekt das Haus entlüftete. Die symmetrische Gestaltung mit den eckbetonten Türmchen sowie die horizontale Baumasse und das breit gelagerte Dach mit der Laterne, symbol-schwer bekrönte vom Reichsadler auf der Weltkugel, formten ein eher bedrücktes Erscheinungsbild, das durch das Abrücken von der Straße noch betont wurde. Der architektonische Ausdruck entsprach mit seiner dominanten Repräsentation dem politischen Selbstverständnis der aufstrebenden Kolonialmacht Deutschland, dessen Architekten die lokale architektonische Tradition der Holzarchitektur als minderwertig ansahen.

Nachdem das Gebäude vor über 100 Jahren in chinesischen Besitz überging, wird es heute nach erheblichen Umbauten und vereinfachenden Renovierungen als Museum für die Partnerstädte Wuhans genutzt.

Die Deutsch-Asiatische Bank

Die Deutsch-Asiatische Bank gründete sich 1889 mit Sitz in Shanghai. Die dort ansässigen deutschen Architekten Becker & Baedecker entwarfen das Hauptbüro in Shanghai (Becker, 1902), die Niederlassungen in Peking (1906–1907), in Tianjin (1907), in Jinan (1907–1908) und in Hankou (1906–1908), wo das repräsentative Gebäude direkt neben dem deutschen Konsulat am Bund entstand. Das Bankgebäude stand direkt an der Straße und war asymmetrisch aufgebaut. Die Architekten betonten den zweigeschossigen Baukörper mit einem turmartigen eingeschossigen Aufbau und das flache Dach an den Ecken mit filigranen Dekorationen. Die Fenster waren aus Klimagründen wie beim Konsulat durch Veranden abgeschirmt. Die architektonische Gestaltung, die ebenfalls am wilhelminischen Zeitgeist orientiert war, fiel hier jedoch deutlich interessanter aus. Durch geschickte Gliederung, vielfältige Vorsprünge und Wechsel der Materialität, entstand das eleganteste Bauwerk in der deutschen Konzession.

Deutsch-Asiatische Bank Filiale Hankau um 1908 | © Deutsche Bank AG, Historisches Institut

Als China im August 1917 Deutschland den Krieg erklärte, beschlagnahmte der Staat fast sämtliches deutsches Eigentum, einschließlich der Gebäude der Deutsch-Asiatischen Bank. Nur das Filialgebäude in Hankou blieb in ihrem Besitz. Im Dezember 1944 bombardierte die amerikanische Luftwaffe die japanisch besetzte Stadt Wuhan, wobei 40.000 Personen ums Leben kamen. Ein Volltreffer vernichtete am 18. Dezember auch das Gebäude der Deutsch-Asiatischen Bank.

Rathaus und Polizeistation

Das Rathaus mit Polizeistation erbaute die Baufirma der Architekten Lothar Marcks & Emil Busch zwischen März 1907 und Januar 1909 im Auftrag der deutschen Gemeinde. Das Gebäude hatte einen Uhrturm, der sich wie viele deutsche Rathäuser der Zeit auf die Tradition der Bürgerfreiheit im Mittelalter bezog. Das 1900 fertiggestellte neugotische Rathaus in Braunschweig könnte dafür Pate gestanden haben. Aber auch in Hankou gab es Referenzen für Bauten mit Uhrturm, wie zum Beispiel in der Russischen Konzession die »Polizeistation« oder in der Britischen das Zollgebäude.

Beim deutschen Neubau mussten diverse Funktionen vorgesehen werden. Das Rathaus brauchte Verwaltungsräume, die Polizeistation eine Wohnung für den deutschen Polizeichef, die freiwillige Feuerwehr brauchte Platz für ihre Utensilien, die Polizei brauchte Gefängniszellen und einfache Wohnräume für die chinesischen und indischen Polizisten in deutschem Dienst. Die Architekten ordneten die Vielfalt in unterschiedlichen Einzelbauten auf dem Grundstück an. Im repräsentativen Hauptbau lagen im Erdgeschoss die Büroräume und die Räume der Polizei im Seitenflügel. Auch hier war an der Frontseite jeweils eine Veranda, die das Gebäude kühl halten sollte. Neben der Polizeistation befand sich das Gefängnis »das die klimatischen Bedingungen vollständig berücksichtigte«, hieß es zur Eröffnung in der Zeitung. Die Unterkünfte für die chinesischen und die indischen Polizisten standen zurückversetzt im Grundstück.

Der Sitzungssaal war »spätgotisch« gestaltet und mit vier großen Bogenfenstern sehr hell. Er lag auf halber Treppe zwischen erstem und zweitem Geschoss. Den Raum darunter nutzte die freiwillige Feuerwehr als Spritzenhaus und auf dem Dach des Sitzungssaals befand sich eine Terrasse. Der Sockel am Uhrturm und am Sitzungssaal bestand aus grob behauenen Sandsteinquadern.

Wie alle anderen Gebäude wurde auch das Rathaus 1917 konfisziert und später nur noch »Polizeistation« genannt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat das Gebäude viele Umnutzungen erfahren, der Turm wurde abgebrochen und die inneren Räume neu aufgeteilt. Nach einer Sanierung wird heute das ehemalige deutsche Rathaus mit Polizeistation – mit rekonstruiertem Turm – als Polizeimuseum genutzt.

Zukunft

Die beiden bedeutendsten, erhaltenen Gebäude der ehemaligen deutschen Konzession werden inzwischen als Museen genutzt. Das ehemalige Konsulat übernimmt dabei als Museum der heutigen Partnerstädte eine Brückenfunktion zwischen Wuhan und der Welt. Im Sinne einer »shared heritage« könnte Deutschland hier eine besondere Rolle einnehmen und sich für den Erhalt und die Pflege der vor über hundert Jahren transplantierten Baukultur einzusetzen. Die deutschen Architekturbüros der genannten Bauten haben in China viele Bauten erstellt, die noch immer ihrer Wiederentdeckung harren – sofern sie die Abrisswellen der letzten Jahre überstanden haben.

© Yang Fan

Fußnoten

Torsten Warner: Deutsche Architektur in China. Berlin, 1994; Centralblatt der Bauverwaltung; Zeitschrift für Bauwesen; Der Ostasiatische Lloyd; Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin; Historisches Institut der Deutschen Bank, Frankfurt a. M.

Über den Autor

Eduard Kögel (*1960), Dr. Ing., Studium an der Gh Kassel im Studiengang Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. 1999–2004 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Planen und Bauen in außereuropäischen Regionen der TU Darmstadt. 2007 Dissertation zu Rudolf Hamburger und Richard Paulick in China an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009–2011 Forschungsprojekt zu Ernst Boerschmann an der TU Berlin. Lehraufträge an der TU Darmstadt, TU Berlin und Bauhaus-Universität Weimar. Publikationen u. a.: The Grand Documentation, Ernst Boerschmann and Chinese Religious Architecture, Berlin/Boston 2015 und Architekt im Widerstand, Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste, Berlin 2020. Seit 25 Jahren Forschung zum Austausch zwischen Europa und Asien. www.eduardkoegel.de

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