Interview: LIANG Jingyu über Nachbarschaften – Ort für Beides, Privatleben und Gemeinschaftsleben

Published October 2017
Location Xi’an
Lernlandschaft „Wohnzimmer“ mit Innenhof © LIANG Jingyu

Was verstehen Sie unter dem Begriff „Nachbarschaft“?

Nachbarschaft bedeutet für mich einen physischen oder virtuellen Raum der täglichen Arbeit und des Wohnens. Sie ist entweder ein Teil des geteilten öffentlichen Lebens mit anderen oder ein Bestandteil der privaten Lebenssphäre, also ein Ort, wo man sich gegenseitig respektiert und dadurch zugehörig fühlt.

Wie kann architektonische Raumgestaltung die Nachbarschaft beeinflussen?

Je höher der Grad von Gemeinnützigkeit einer Nachbarschaft ist, desto effizienter ist die Ressourcennutzung. Dies entspricht auch dem Ideal vieler sozialer Praktiken aus dem letzten Jahrhundert. In der anfänglichen sozialistischen Praxis der neu gegründeten VR China stellten Städtebau und Dorfentwicklung die Handlungsfelder dar, wo man das Ideal der maximalen Gemeinnutzung in der Praxis erprobte. Diese Versuche haben uns zahlreiche Konzepte und Begriffe wie „Innenhof eines Staatsbetriebs“ 单位大院, „Kommunistische Hochhäuser“ 共产主义大楼 und „Volkskommune“ 人民公社 hinterlassen. Ein Teil dieser Versuche gilt aus heutiger Sicht immer noch als avantgardistisch und sehr gewagt, zum Beispiel die Abschaffung der privaten Küche zugunsten von Gemeinschaftskantinen. Der Misserfolg dieser utopischen Konzepte ist auf den mangelnden Respekt vor der privaten Lebenssphäre in der Nachbarschaft zurückzuführen. Nach der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik wurde der „kommunistische“ Lebensstil aufgrund des Wunsches nach mehr Privatsphäre aufgegeben und durch abgeschlossene Wohnsiedlungen ersetzt. Die einzige gemeinsam genutzte Fläche stellt in diesem Fall nur die Grünanlage im Wohnviertel dar. Die Nachbarn kennen sich selten beim Namen. Angesichts dieser beiden relativ extremen und gescheiterten Nachbarschaftskonzepte meine ich, dass eine ideale Nachbarschaft sowohl das Gemeinschafts- als auch das Privatleben berücksichtigen und bei der räumlichen Aufteilung und der funktionalen Zuordnung flexibel bleiben sollte.

Wie kann man die Rolle der Nachbarschaft im Kontext der rasanten Stadtentwicklung in der chinesischen Gegenwart einordnen?

Im Zuge der rasanten Stadtentwicklung der letzten Jahre wurde der Aufbau der Nachbarschaften zweifellos stark vernachlässigt. In der Folge sind die Visionen der BewohnerInnen von einer idealen Stadt sowie ihre Motivation und Kraft, Veränderungen zu erwirken, immer schwächer geworden. Die Stadt ist zu einem reinen Produkt der Planung von Eliten geworden. Es fehlen effektive Mechanismen für öffentliche Partizipation und Interaktion mit den EinwohnerInnen, die die städtische Selbstverbesserung benötigen würde.

Wie war das bei Ihrem Projekt zur Planung des „Wohnzimmers“? Wie waren  die Studierenden einbezogen?

Ja, die Studierenden haben teilgenommen. Zu Beginn haben wir und die Hochschule eine Meinungsumfrage in Form von Fragebögen und Vor-Ort-Interviews durchgeführt. Die Studierenden wünschten sich einen Supermarkt oder Lebensmittelautomaten direkt in der Nähe des Studentenwohnheims. Wir wollten dem „Wohnzimmer“ 学生客厅 aber – mit Ausnahme des Schlafens – möglichst viele Funktionen zuführen. Wenn die Studierenden das Wohnzimmer nur betreten würden, um schnell etwas zu Essen zu besorgen und den Raum danach gleich wieder verlassen würden, dann wäre unsere Gestaltung als misslungen zu betrachten. Es fehlt dem Nutzenden oft die Vorstellungskraft, was die Nutzungsmöglichkeiten eines Raums betrifft. Er oder sie neigt eher dazu, Verbesserungen auf Basis des Vorhandenen vorzuschlagen. ArchitektInnen und GestalterInnen müssen deshalb die Kompetenz haben, verborgene, unausgesprochene Bedürfnisse zu erkennen.

LIANG Jingyu, Studienabschluss der Architektur an der Tianjin Universität. Von 1996 bis 2000 Architekt in Montreal und Vancouver. Gründung des Architektur-Büros „approach architecture studio“ in Peking. Wichtigste Arbeiten: Iberia Zentrum für zeitgenössische Kunst, Peking; Shanghai Minsheng Kunstmuseum; Masterplan und Konzeption für das Denkmalschutzgebiet Dashilar (Peking); Geschäftsviertel Glorious Plaza Xian; Sanierungsprojekt „Wohnzimmer “. Außerordentlicher Professor an der Pekinger Universität für Architektur und Betreuer für Design an der Architekturfakultät der Tsinghua-Universität.

Kontakt und Link
approachstudio@gmail.com
www.aarchstudio.com

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