Keep Wuhan Walking: Richard Sachse und die neutrale Zone in Hankou (1938/39)

Published September 2020
Location Wuhan
Erster Flüchtlings-Flusstransport in Hankau | Foto: Richard Sachse

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Über das Werk des Architekten Richard Sachse weiß man bislang wenig. Er wird 1908 in einer Passagierliste für die Ankunft in Shanghai erwähnt. 1912 erweiterte er in der deutschen Konzession in Hankou als Architekt die Unterkünfte für die lokalen Polizisten neben dem Rathaus. Ansonsten ist sein Wirken als Architekt in der Stadt bis 1939 nur fragmentarisch bekannt.

Als die japanische Armee im Zweiten Sino-Japanischen Krieg 1937 Shanghai angriff drohte eine zivile Katastrophe. Der französische Jesuit Robert Jacquinot setzte für die Stadt in Verhandlungen mit den Japanern und den Chinesen eine Schutzzone (Jacquinot Safe Zone) durch, die für den deutschen Geschäftsmann John Rabe 1938 in Nanjing zum Vorbild wurde. Ende 1937 zogen einige Teile der Nationalregierung von Nanjing nach Wuhan, und fast gleichzeitig erreichten Anfang 1938 mehrere hunderttausend Flüchtlinge die Stadt. Im selben Jahr reiste Pater Jacquinot in die USA, nach Japan und zur Nationalregierung nach Chongqing, damit im Oktober auch in Wuhan eine Schutzzone für Zivilisten eingerichtet werden konnte. Die Zone umfasste die ehemaligen ausländischen Konzessionen im Stadtteil Hankou. Zur Verwaltung der Schutzzone bildete sich das Hankou Refugee Zone Committee, in dem der deutsche Architekt Richard Sachse die notwendigen Planungen übernahm. Das internationale Refugee Committe bestand vor allem aus Mitgliedern christlicher Missionsgesellschaften aus Deutschland, Italien, Frankreich, USA und Großbritannien.

Über das Werk des Architekten Richard Sachse weiß man bislang wenig. Er wird 1908 in einer Passagierliste für die Ankunft in Shanghai erwähnt. 1912 erweiterte er in der deutschen Konzession in Hankou als Architekt die Unterkünfte für die lokalen Polizisten neben dem Rathaus. Ansonsten ist sein Wirken als Architekt in der Stadt bis 1939 nur fragmentarisch bekannt. Sachses wichtigster Beitrag war vermutlich zwischen 1929 und 1936 die Mitarbeit (zusammen mit Abraham Levenspiel) beim Bau der heute unter Denkmalschutz stehenden Nationalen Wuhan Universität, die der Amerikaner Francis Henry Kales entworfen hatte.

Als die Nationalregierung 1938 Wuhan aufgab und nach Chongqing floh, blieben von den 1,25 Millionen Einwohnern nur 400.000 Alte, Kranke und Kinder zurück. Nach seiner Rückkehr ins nationalsozialistische Deutschland im Frühjahr 1939 berichtete Richard Sachse von seinen Erlebnissen.

Chinesische Flüchtlinge | Foto: Richard Sachse

Jacquinot kam Mitte Oktober 1938 nach Hankou und verhandelte bis zur Übernahme durch die japanischen Streitkräfte im November mit allen Beteiligten. Sachse war neben der Gesamtplanung für Behelfsunterkünfte, für die Materialbeschaffung, den Bau von behelfsmäßigen Küchen auch für logistische Aspekte zuständig. Die Öfen um Reis zu kochen hatte man schon im Vorhinein gebaut und für die Küchen zur Versorgung der Flüchtlinge meldeten sich ausländische Frauen verschiedener Nationalitäten. Ursprünglich wollte man innerhalb der genannten Zone der ehemaligen Konzessionen behelfsmäßige Bauten aus Matten für 160.000 Flüchtlinge errichten. Sachse konnte aber nur Material für Behelfsbauten für 60.000 Menschen beschaffen. Teils wurden aber auch gerade nicht in Betrieb befindliche Lagerhallen der ausländischen Firmen genutzt. Die Belegung erfolgte sehr dicht, 1,5 Quadratmeter pro Person. Ansteckende Krankheiten wie Cholera verursachten zusätzliche Probleme, da die in Hankou gebliebenen chinesischen Familien nicht nur zu den Ärmsten gehörten, sondern auch oft durch Krankheit geschwächt waren. Schnell stellte sich heraus, dass eine menschenwürdige Unterbringung so nicht gewährleistet werden konnte. Jacquinot suchte in Verhandlungen mit den japanischen Militärs vor Ort eine andere Lösung. Das Stadtviertel Wu Shien Miao entlang des Han-Flusses, in dem schon immer die chinesische Bevölkerung gewohnt hatte, stand wegen der Flucht der ehemaligen Bewohner weitgehend leer. Deshalb konnte Jacquinot aushandeln, dieses Quartier für die Flüchtlinge zu nutzen.

„Der Zusammenschluss christlicher Missionsgruppen unter der Führung von Pater Jacquinot verhinderte in Hankou vermutlich ein Blutvergießen wie beim Massaker in Nanjing.“

Gerettete Flüchtlingshabe Foto: Richard Sachse

Das NSDAP-Mitglied Sachse erhielt den Auftrag, die bis dahin 3000 in der ehemaligen deutschen Konzession untergekommenen Flüchtlinge in den 2,5 Kilometer entfernt liegenden Stadtteil Wu Shien Miao zu bringen, was mit seiner Hakenkreuzbinde am Arm auch leidlich klappte. Neben den Routen mussten dafür auch mit den japanischen Behörden Passagierscheine ausgehandelt werden und es war natürlich nicht einfach, Kranke, Alte und Kinder zu diesem Transfer zu bewegen. Sachse schrieb: »Am Morgen stellten wir, nach Verabreichung einer doppelten Portion Reis, den ersten Transport von 600 Personen zusammen. Ich sollte den Zug anführen. Etwa fünf Männer sollten für Ordnung sorgen, vier bis fünf irische Schwestern wurden über den ganzen Zug verteilt.« Als es los gehen sollte, hatten die Flüchtlinge jedoch Angst und wollten bleiben. Nach zähen Verhandlungen gelang es Sachse die erste Gruppe nach vier Stunden in das 2,5 Kilometer entfernte neue Lager zu bringen. Weitere kleinere Gruppen folgten, bis man über Verhandlungen erreichte, die verbliebenen Flüchtlinge per Boot zu transportieren. Aus den anderen Stadtgebieten brachte man gleichzeitig weitere Flüchtlinge in das neue Lager, in dem Anfang Januar 1939 bereits über 100.000 Personen untergebracht waren. Sachse beschloss seinen Artikel nach einem Treffen mit dem als Lagerleiter eingesetzten irischen Bischof mit dessen Lob für die gemeinsame Aktion, worauf er besonders stolz war.

In dieser Periode lebten zirka 4500 Deutsche (ohne die jüdischen Flüchtlinge) in China, die Hälfte davon in Shanghai. Nach Astrid Freyeisen ist es nicht ganz klar, ob die erste Parteizelle der deutschen Nationalsozialisten 1931 in Hankou oder in Shanghai gegründet wurde. In Hankou hatte die Gruppe jedoch immer weniger als 30 Mitglieder. Sachse trat dabei mit seinen Aktivitäten für die Partei nicht hervor, und es ist anzunehmen, dass er der NSDAP aus opportunistischen Gründen beitrat. Während Sachse in Hankau 1938/39, wie er sagte, aus humanitären Gründen den chinesischen Flüchtlingen helfen will, kommen in Shanghai tausende jüdische Flüchtlinge aus Europa an, die ebenfalls auf Unterstützung angewiesen waren. Hierzu verliert er in seinem Bericht kein Wort und es kann als sicher angesehen werden, dass er sich hier auch nicht engagiert hätte.

Der Zusammenschluss christlicher Missionsgruppen unter der Führung von Pater Jacquinot verhinderte in Hankou vermutlich ein Blutvergießen wie beim Massaker in Nanjing. Richard Sachse war dabei als NSDAP-Mitglied einer der vielen Helfer, der glaubte seine Parteizugehörigkeit habe zum Erfolg beigetragen. Mit großen Hakenkreuzen auf den Dächern der Gebäude versuchte man die japanischen Flugangriffe auf die ehemals deutsche Konzession in Hankou zu verhindern, und damit die dort untergebrachten Menschen zu schützen. Für die japanischen Besatzer wurde die Zone der ehemaligen Konzessionen nach ihrer Machtübernahme zur bevorzugten Wohngegend, da fast keine Zerstörungen stattgefunden hatten. Die Amerikanische Journalistin Agnes Smedley, die vor Ort für den Manchester Guardian berichtete, schrieb später anerkennend von fast 400.000 geretteten Chinesen, die allerdings nur gerettet worden seien, weil sie als Arbeitssklaven für die ausländischen Fabriken und für die japanische Kriegsmaschine gebraucht würden.

Referenzen

Marcia R. Ristaino: The Jacquinot Safe Zone: Wartime Refugees in Shanghai, Stanford 2008.
Richard Sachse: »Wir helfen! Ein Bericht über die Hilfstätigkeit der Deutschen Gemeinde Hankau für die chinesischen Flüchtlinge«, in Verband Deutscher Vereine im Ausland e.V. (Hg.): Wir Deutsche in der Welt, Berlin 1939, S. 107–118. Astrid Freyeisen, Shanghai und die Politik des Dritten Reiches, Würzburg 2000.

Über den Autor

Eduard Kögel (*1960), Dr. Ing., Studium an der Gh Kassel im Studiengang Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. 1999–2004 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Planen und Bauen in außereuropäischen Regionen der TU Darmstadt. 2007 Dissertation zu Rudolf Hamburger und Richard Paulick in China an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2009–2011 Forschungsprojekt zu Ernst Boerschmann an der TU Berlin. Lehraufträge an der TU Darmstadt, TU Berlin und Bauhaus-Universität Weimar. Publikationen u. a.: The Grand Documentation, Ernst Boerschmann and Chinese Religious Architecture, Berlin/Boston 2015 und Architekt im Widerstand, Rudolf Hamburger im Netzwerk der Geheimdienste, Berlin 2020. Seit 25 Jahren Forschung zum Austausch zwischen Europa und Asien. www.eduardkoegel.de

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